Start International Yoav Shemer-Kunz: «Dieses Gesetz würde die Tötung von Palästinenser:innen legal verankern»

Yoav Shemer-Kunz: «Dieses Gesetz würde die Tötung von Palästinenser:innen legal verankern»

Die israelische Menschenrechtsorganisation B’Tselem warnt vor der Todesstrafe gegen Palästinenser:innen. Diese könnte bald eingeführt werden. Doch die internationale Gemeinschaft bleibt bislang viel zu still.

Foto: Zain Jaafar (AFP/Keystone) und zvg

«direkt» hat mit Dr. Yoav Shemer-Kunz, EU-Advocacy-Officer bei B’Tselem, über die Situation vor Ort und den Plan der israelischen Regierung zur Verhängung der Todesstrafe gesprochen.

«direkt»: Yoav Shemer-Kunz, können Sie uns einen Einblick geben, wie die Situation für die Menschen in Gaza momentan ist?

Yoav Shemer-Kunz: Die Bedingungen, die den Völkermord in Gaza ermöglicht haben, bestehen weiterhin. In Gaza sagt man deshalb: Jetzt kommt der Tod langsamer. Denn die gelbe Linie (Anmerkung der Redaktion: Militärische Grenze im Osten des Gazastreifens) wird immer weiter nach innen verschoben und es droht weiterhin eine Hungersnot.

«direkt»: Sie haben auch zwei Berichte über die Haftbedingungen in israelischen Gefängnissen geschrieben.

Yoav Shemer-Kunz: Wir nennen diese Folterlager, weil sie genau das sind. B’Tselem sammelte Aussagen von 55 palästinensischen Gefangenen, die nach dem 7. Oktober 2023 aus der Haft entlassen wurden. Ihre Zeugnisse zeigen, wie systematisch Gefangene gefoltert werden. Bereits 84 Palästinenser:innen sind seit dem 7. Oktober 2023 in diesen Gefängnissen gestorben, deren Identität bestätigt werden konnte. Es wird jedoch angenommen, dass die tatsächliche Zahl der Opfer deutlich höher ist.

«direkt»: Welchen Einfluss hat der Genozid in Gaza auf die weiteren besetzen Gebiete im Westjordanland und Ostjerusalem?

Yoav Shemer-Kunz: Das israelische Regime setzt seine Politik der Segregation und Entmenschlichung gegenüber den Palästinenser:innen fort. Nicht nur in Gaza, sondern auch im Westjordanland und in Ostjerusalem. Wir sprechen deshalb über Gaza nicht als etwas Getrenntes vom Westjordanland und Ostjerusalem. In Gaza ist die Gewalt zwar intensiver, folgt aber in allen Gebieten derselben Logik. Auch im Westjordanland und in Ostjerusalem findet eine ethnische Säuberung statt. Dabei müssen wir uns bewusst sein: Die Gewalt hat ein neues Ausmass angenommen. Militär und Polizei gehen härter vor als zuvor. Das sehen wir auch daran, was aktuell im israelischen Parlament der Knesset diskutiert wird.

«direkt»: Sie sprechen von der Gesetzesvorlage für die Einführung der Todesstrafe.

Yoav Shemer-Kunz: Genau. In der Knesset wird aktuell ein Gesetz zur Todesstrafe diskutiert, das ausschliesslich für Palästinenser:innen gelten soll. Das Gesetz schreitet sehr schnell voran; die erste Lesung wurde bereits abgeschlossen. Als Besatzungsmacht würde Israel damit das Gesetz über Militärgerichte gegen Palästinenser:innen anwenden, wenn diese, gemäss den Militärbeamten, die Existenz Israels in Frage stellen.

«direkt»: Verstösst dieses Gesetz nicht gegen internationales Recht?

Yoav Shemer-Kunz: Doch, dieses Gesetz wäre ein klarer Bruch mit dem internationalen Recht. Und dennoch müssen wir davon ausgehen, dass es innert etwa zwei Wochen verabschiedet wird – ohne nennenswerte Opposition in der Knesset. Faktisch existiert zwar bereits heute eine Art Todesstrafe: Palästinenser:innen werden immer wieder getötet – ohne Beweise, ohne Untersuchungen, bei völliger Straflosigkeit. Seit dem 7. Oktober 2023 hat Israel im Westjordanland mehr als 1200 Palästinenser:innen getötet, darunter 263 Minderjährige – und dies in völliger Straflosigkeit. Aber dieses Gesetz würde diese Tötung legal verankern. Vor Militärgerichten wird die Todesstrafe zwingend und automatisch verhängt; sie kann innerhalb von 90 Tagen vollstreckt werden, ohne Aussicht auf Begnadigung. Das ist im Kontext der Genfer Konventionen beispiellos.

«direkt»: Welche Hebel hat die Schweiz, um dies zu verhindern?

Yoav Shemer-Kunz: Es stehen alle rechtlichen Massnahmen zur Verfügung, um diese Verbrechen zu stoppen. Es gibt viele Möglichkeiten, sich klar dagegen zu positionieren. In anderen Fällen hat die Schweiz klare Haltung gezeigt, zum Beispiel bei der Verurteilung des Angriffskriegs gegen die Ukraine. Die politischen Verantwortlichen wissen, was getan werden könnte – es fehlt jedoch bis heute am politischen Willen, sich für die palästinische Bevölkerung einzusetzen.

B’Tselem

B’Tselem, das israelische Informationszentrum für Menschenrechte in den besetzten Gebieten, wurde 1989 gegründet. Seither dokumentiert, untersucht und veröffentlicht die israelische Organisation Statistiken, Zeugenaussagen, Videoaufnahmen, Positionspapiere und Berichte über Menschenrechtsverletzungen, die von Israel in den besetzten palästinensischen Gebieten begangen werden. B’Tselem war auch die erste israelische Organisation, die die Verbrechen in Gaza einen Genozid nannte.

lal


14 Kommentare

  1. Israel, Heimat und Zuflucht der von Nazi-Deutschland verfolgten Juden, Israel eine Demokratie. Diese schönen und anerkennenswerten Begriffe haben mit Netanjahu und seiner Regierung total an Wahrheitsgehalt verloren. Und jetzt noch zweierlei Recht für Israeli und Palästinenser. Das ist verabscheuungswürdig, und die Schweiz sollte sich endlich deutlich bemerkbar machen. Bundesrat Cassis scheut sich sehr, wenn es um Israel geht, das aus privaten Interessen und Gründen. Aber als Bundesrat hat er diese zurückzustellen. Deutliche Worte, gegen diese Regierung und ihre Beschlüsse und Absichten sind dringend nötig.

  2. Sie, denen das palästinensische Volk offenbar nur am Herzen liegt, warum sprechen Sie nicht über das Massaker an Iranern im Januar und verschließen stattdessen die Augen vor der Realität? Sie genießen sicherlich die Unterstützung der Palästinenser, aber die wehrlosen Menschen im Iran sind Ihnen und den Schweizer Politikern völlig gleichgültig.

  3. Wo bleibt der Aufschrei, der Widerstand der israelischen Zivilgesellschaft? Wer zu Unrecht schweigt, macht sich mitschuldig!

  4. Meines Erachtens müsste ein internationaler Aufschrei die Reaktion auf ein solches Vorgehen sein, zumal wir alle wissendass Siedler ungestraft Palästinesische Häuser niederbrennen. Ich erwarte von unserem Aussenminister Ignazio Cassis einen lautstarken Protest über einsolches Vorgehen!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

  5. Das EDA veröffentlichte am 1. Februar 2026 bezüglich Abschaffung der Todesstrafe:
    Die Schweiz setzt sich für eine Welt ohne Todesstrafe ein. Gemäss Rechtsauffassung der Schweiz und des Europarats verstösst die Todesstrafe gegen das Verbot von Folter und Misshandlung sowie gegen das Recht auf Leben. Diese Auffassung wird nicht von allen Staaten geteilt. Deshalb setzt sich die Schweiz dafür ein, die Unvereinbarkeit der Todesstrafe mit den Menschenrechten stärker auf internationaler Ebene zu verankern.

    https://www.eda.admin.ch/de/abschaffung-der-todesstrafe

  6. Besten Dank für diese schockierende Information. Die Mainstream-Medien scheinen es nicht für nötig zu finden, dieses menschenverachtende Ansinnen der israelischen Machtelite publik zu machen. Die offizielle Schweiz schweigt dazu, und macht weiter mit israelischen Rüstungsfirmen Geschäfte.
    Israel ist kein Rechtsstaat mehr. Ein Staat der solche Gesetze in Erwägung zieht, und wohl auch in Kraft setzen wird, ist ein Apartheids-Staat. Das Problem in Nahost ist eindeutig die Machtelite Israels gepaart mit dem Zionismus!

  7. Einfach nur schlimm, schaurig, was da abgeht !! Palästina wird ausradiert. Und unsere Schweiz
    schweigt.

    Es ist unerträglich. Sollten wir nicht wieder einmal eine Anti Kriegs Demo machen ??

    Man darf doch nicht einfach zuschauen, wie der ganze Nahe Osten in Grund und Boden
    bombarbiert wird.

  8. Es gibt immer mehr Menschen, aber Leider immer weniger Menschlichkeit.

    Mit der heutigen Technischen Möglichkeiten, könnte die ganze Menschheit in Frieden Leben.

    Leider stellt mann Reichtum über alles.
    Manche werden einfach nicht satt auf diese Erde.

    Eigentlich müsste niemand frieren, hungern, oder jeglicher Art von Leid erfahren.

    Wenn wir nur mit dem veralteten Schulsystem endlich mal aufhören würden.

    Denn alles beginnt von Kindheit an.

  9. Es ist erschreckend, wie im Schatten des Ukraine – Iran Krieges die Israelischen Verantwortlichen in der Regierung Netanjahu das Palästinensische Volk auf brutalste Art und Weise in Geiselhaft nehmen. Der blutige Ueberfall der Hamas vom 7. 10. 2023 auf die jüdischen Siedlungen, so grausam dieser war und mit aller Schärfe zu verurteilen ist, rechtfertigt das Riesenunrecht gegenüber den Palästinsern in keinster Art und Weise. Sei es der Terror des Israelischen Militärs in Gaza noch im Westjordanland. Vor einer solchen Zukunft mit einem amerikanischen Präsidenten der das alles gutheisst und unterstützt, wird einem das Grauen vor Augen geführt. Arme Menschheit, die noch nichts aus der Vergangenheit gelernt hat. Warum schwimmen wieder solche Monster wie Putin, Trumps, Khameneis, Netanjahus usw. obenauf?

  10. Ein Mensch gilt als kriminell, wenn er mehrfach und systematisch gegen Gesetze seines Landes verstösst.

    Entsprechend ist ein Staat kriminell, wenn er mehrfach und systematisch gegen die internationale Rechtsordnung verstösst.

    Israel bricht seit Jahrzehnten die internationale Rechtsordnung, hat nicht eine einzige UNO Resolution angenommen, geschweige denn umgesetzt, vor allem nicht die Resolution 189, durch welche es überhaupt erst geschaffen wurde, welche eine Teilung des Landes Palästina in zwei Staaten vorsah.

    Es bricht auch Konventionen, welche es selbst unterschrieben hat, wie die vierte Genfer Konvention, welche verbietet, in erobertem Land zu siedeln und Bevökerung dorthin zu transferieren.

    Und es zettelt Kriege an, ohne angegriffen worden zu sein: z.B. den Sechs-Tage-Krieg 1967 und den laufenden Irankrieg.

    Kurz: Israel ist nach obiger Definition ein echt krimineller Staat.

    Jetzt meine Frage: verbietet die Neutralität der Schweiz die öffentliche Stellungnahme gegen einen Rechtsbrecherstaat wie Israel? Wenn nicht, welches sind die Gründe, dies zu unterlassen und statt dessen zu schweigen? Welche heimlichen Interessen sind dabei im Spiel?

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