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Þórunn Sveinbjarnardóttir: «Der Frauenstreik zeigte uns, was möglich ist, wenn Frauen solidarisch zusammenstehen»

Am 14. Juni ist feministischer Streiktag. Während die Schweiz bei der Gleichberechtigung noch einen langen Weg vor sich hat, gilt Island bei diesem Thema als Vorbild. Aus diesem Grund hat «direkt» mit Þórunn Sveinbjarnardóttir, der isländischen Parlamentssprecherin, über die Situation und den Kampf für Gleichberechtigung in Island gesprochen.

Foto: Screenshot/Wikicommons

«direkt»: Vor dem Jahr 1975 ging der Frauenanteil im isländischen Parlament oder in Führungspositionen gegen null – Frauen verdienten weniger Geld als Männer und waren vor allem für die unbezahlte Care-Arbeit zu Hause verantwortlich. Am ersten Frauenstreik in Island nahmen 90 Prozent der weiblichen Bevölkerung teil. Was war das Ziel dieses Streiks in Island 1975?

Þórunn Sveinbjarnardóttir: Das Ziel des Frauenstreiks – der damals Frauenruhetag (Kvennafrídagurinn) genannt wurde – war es, den unschätzbaren Beitrag von Frauen zur Gesellschaft sowohl auf dem Arbeitsmarkt als auch in der Care-Arbeit zu Hause aufzuzeigen. Die Forderungen waren – und sind es bis heute – gleicher Lohn und die Gleichberechtigung von Frauen und Männern.

«direkt»: Nur fünf Jahre nach dem Streik wurde Vigdís Finnbogadóttir zur weltweit ersten Präsidentin der Geschichte gewählt. Welche Rolle spielte der Streik für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern in Island?

Þórunn Sveinbjarnardóttir: Anfang der 1970er Jahre erreichte die zweite Welle der feministischen Bewegung Island. Frauen begannen sich politisch in Bürger:inneninitiativen und innerhalb politischer Parteien zu organisieren und für Gleichberechtigung zu kämpfen. Der Frauenstreik am 24. Oktober 1975 zeigte uns und der Welt, was möglich ist, wenn Frauen solidarisch gegen Ungleichheit zusammenstehen. Es wird gesagt, dass Vigdís Finnbogadóttir 1980 nicht Präsidentin geworden wäre, hätte es die Entwicklungen in den 1970er Jahren und den Frauenstreik nicht gegeben.

«direkt»: Nun führt Island seit 16 Jahren in Folge den «Gender Gap Index» an und wird oft als Vorbild beim Thema Geschlechtergleichberechtigung gesehen – trotzdem bestehen weiterhin strukturelle Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Wie sieht der Kampf für Gleichberechtigung heute aus und was sind aktuelle Herausforderungen in Island?

Þórunn Sveinbjarnardóttir: Island verfügt über einen organisierten Arbeitsmarkt und ein Tarifverhandlungssystem, das dem nordischen, tripartiten Modell ähnelt. Die Gewerkschaften und die Frauenbewegung haben bei der Bekämpfung der Lohnungleichheit zwischen Frauen und Männern eng zusammengearbeitet. Ansonsten wären wir nicht so weit gekommen. Heutzutage besteht die grösste Herausforderung in der Aufteilung des Arbeitsmarkts in klassische «Frauenjobs» und «Männerjobs». Frauen besetzen einen Grossteil der Positionen im Bildungssektor, im Gesundheitssektor und im Sozialbereich. In diesen Sektoren sind die Löhne systematisch tiefer als in Sektoren, in denen vor allem Männer beschäftigt sind, selbst wenn die Bildung und die Arbeitserfahrung als Faktoren berücksichtigt werden.

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«direkt»: Die Schweiz rangiert im «Gender Gap Index» deutlich hinter Island und ist weit entfernt von Gleichberechtigung der Geschlechter. Frauen werden beispielsweise schlechter bezahlt und sind in Führungspositionen in der Politik oder der Wirtschaft unterrepräsentiert. Was kann die Schweiz in diesem Kontext im Kampf um Gleichberechtigung von Island lernen?

Þórunn Sveinbjarnardóttir: Damit Frauen auf dem Arbeitsmarkt gleichberechtigt sind, braucht es subventionierte Kinderbetreuung und ein System der Elternzeit, das es Frauen nach der Geburt erlaub, wieder in den Arbeitsmarkt einzutreten. Die Elternzeit in Island beträgt derzeit 12 Monate bei 80 Prozent des Gehalts. Väter haben einen Anspruch auf 4,5 Monate von diesen 12 Monaten. Diese sind nicht auf die Mutter übertragbar. Dieser Umstand wurde zum revolutionärsten Merkmal des Systems, das vor 25 Jahren gesetzlich verankert und in vielen Schritten umgesetzt wurde. Das Ergebnis ist, dass Arbeitgebende auch bei Männern das «Risiko» eingehen, dass diese Elternzeit nehmen werden.

«direkt»: Die SP Schweiz plant eine Initiative gegen patriarchale Gewalt. Ist Gewalt gegen Frauen auch in Island ein Thema und welche Schritte unternimmt Island, um dagegen vorzugehen?

Þórunn Sveinbjarnardóttir: Das ist ein seit vielen Jahrzehnten zentrales Thema in der isländischen Politik. Die Eliminierung von Gewalt gegen Frauen und Kinder benötigt einen vielschichtigen Ansatz. Die Gesetzgebung muss überarbeitet, Politiker:innen und Richter:innen weitergebildet und die breite Öffentlichkeit informiert werden und bereit sein, die notwendigen Veränderungen vorzunehmen. Dies ist nicht einfach. Doch der erste Schritt muss sein, das Problem der Gewalt gegen Frauen anzuerkennen und sich von jahrlangen Vorstellungen des «Victim Blamings» zu lösen.

«direkt»: Am 14. Juni ist feministischer Streiktag in der Schweiz. Welche Botschaft möchten Sie den Feminist:innen in der Schweiz für ihren Kampf für die Gleichberechtigung mitgeben?

Þórunn Sveinbjarnardóttir: Es geht nicht darum, das Rad neu zu erfinden! In Island – und in vielen anderen europäischen Staaten – wurden viele Massnahmen und Gesetzgebungen ausprobiert und getestet. Informiert euch über diese, passt diese für eure Gesellschaft an und setzt diese um. Ihr seid nicht allein! Der Kampf für gleiche Rechte findet jeden Tag überall auf der Welt statt. Wir stehen solidarisch mit euch. Gebt nicht auf! Erfolg ist nicht linear. Beharrlichkeit und Fokus sind jederzeit notwendig! Viel Erfolg!

Þórunn Sveinbjarnardóttir

Þórunn Sveinbjarnardóttir ist eine bekannte Persönlichkeit in der isländischen feministischen Bewegung. Sie war Mitglied der ursprünglichen isländischen Partei Frauenallianz, die später mit anderen linken Parteien zu Samfylkingin (Allianz) zu einer linken, sozialdemokratischen Partei fusionierte. Bei der Parlamentswahl 2024 wurde Samfylkingin stärkste Kraft und stellt mit Kristrún Frostadóttir die derzeitige Premierministerin.

Þórunn Sveinbjarnardóttir war zwischen 2003 und 2011 und ist erneut seit 2021 Mitglied des isländischen Parlaments Alþingi und ist zudem seit 2025 Parlamentssprecherin des Alþingi. Zwischen 2007 und 2009 war sie isländische Umweltministerin.

lsp


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