Start Gesellschaft Schutz ungenügend: Fast jede:r neunte Lernende verunfallt

Schutz ungenügend: Fast jede:r neunte Lernende verunfallt

Jährlich verunfallen in der Schweiz rund 23’000 junge Menschen während ihrer Berufslehre – fast jede:r neunte Lernende. Trotz klarer gesetzlicher Vorgaben bleiben Betreuung, Aufsicht und Umsetzung des Jugendarbeitsschutzes in vielen Betrieben ungenügend.

Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Die vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB) vorgestellten Zahlen sind alarmierend: Jährlich verunfallen in der Schweiz rund 23’000 junge Menschen während ihrer Berufslehre. Léonie (Pseudonym), Lernende im Pflegebereich, betont im Namen ihrer Mitlernenden: «Das Einzige, was wir wollen, ist, dass man uns zuhört und dass sich etwas ändert.» Besonders betroffen von Berufsunfällen sind Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 15 und 24 Jahren. Neben fehlender Erfahrung und Routine spielt laut dem SGB vor allem die mangelnde Begleitung im Berufsalltag eine zentrale Rolle.

Gefährlicher Leistungsdruck

Hinzu kommt der Leistungsdruck, dem viele Lernende bereits in den ersten Monaten ihrer Ausbildung ausgesetzt sind. Diese Kombination erhöht das Risiko für Arbeitsunfälle deutlich. Typische Unfallursachen sind Arbeiten mit Maschinen oder Werkzeugen, Stürze und Stolperunfälle sowie Verletzungen durch Fremdkörper – häufig betroffen sind Augen und Hände.

Besonders gravierend: Jährlich kommt es gemäss den Zahlen des SGB zu zwei bis drei tödlichen Arbeitsunfällen von Lernenden. Überdurchschnittlich häufig betroffen sind die Land- und Forstwirtschaft sowie die Baubranche. Auffällig ist zudem, dass viele dieser Unfälle bereits im ersten Lehrjahr passieren.

Ali (Pseudonym) wurde in seinem ersten Lehrjahr als Spengler Opfer eines Unfalls: «In der Schule lernen wir, dass wir kein Gerüst betreten dürfen, wenn es nicht vorschriftsgemäss ist. Aber in meinem ersten Betrieb war ihnen das egal. Man muss arbeiten, koste es, was es wolle. Der Beweis: Schon im ersten Monat bin ich vom Dach gefallen. Es gab nicht einmal ein Gerüst, nur eine Leiter. Ich war auf einem glitschigen Dach, bin ausgerutscht und abgestürzt.»

Umsetzungslücken trotz klarer Rechtslage

Dabei sind die gesetzlichen Vorgaben klar: Jugendliche gelten im Arbeitsrecht als besonders schutzbedürftig, und Arbeitgeber:innen unterstehen einer erhöhten Fürsorgepflicht. Gefährliche Arbeiten sind grundsätzlich verboten und nur in eng definierten Ausnahmefällen zulässig, wenn sie für die Ausbildung zwingend notwendig sind und unter strengen Schutzbedingungen erfolgen.

Trotz dieser klaren Regelung sieht der SGB in der Praxis erhebliche Defizite. Die Probleme liegen demnach nicht bei den rechtlichen Grundlagen, sondern in deren Umsetzung im Betrieb. Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz würden häufig hinter wirtschaftlichen Interessen, Zeitdruck und fehlender Ausbildung der Verantwortlichen zurückstehen.

Kritik an fehlender Betreuung im Betrieb

Ein zentraler Kritikpunkt des SGB betrifft die Betreuungssituation in den Lehrbetrieben. Laut repräsentativen Erhebungen verfügen 76 Prozent der Berufsbildner:innen über keinerlei zeitliche Entlastung für die Ausbildung und Begleitung von Lernenden. «Auf den dualen Bildungsweg darf man gewiss stolz sein. Aber wir müssen unsere Verantwortung auch wahrnehmen und die Lernenden besser schützen», betont Félicia Fasel, nationale Jugendsekretärin der Gewerkschaft Unia. Sie fügt an: «Fast alle Todesfälle ereigneten sich im ersten Lehrjahr – ein eindeutiges Zeichen dafür, dass die Betreuung bei Weitem nicht ausreicht.»

Der Gewerkschaftsbund kritisiert zudem, dass Lernenden zunehmend und zu viel Verantwortung übertragen werde. Kampagnen, die Jugendliche dazu auffordern, Risiken selbst zu erkennen und aktiv «Stopp» zu sagen, seien zwar sinnvoll, jedoch unzureichend. Lernende befänden sich in einem klaren hierarchischen Abhängigkeitsverhältnis und könnten sich gefährlichen Situationen oft nicht entziehen.

«Arbeitssicherheit ist deshalb in erster Linie eine Führungsaufgabe und darf nicht auf die Lernenden selbst abgewälzt werden», so der Gewerkschaftsbund.

Psychische Belastungen nehmen zu

Neben den physischen Gefahren rücken auch psychische Belastungen stärker in den Fokus. Stress, Zeitdruck und hohe Erwartungen beeinflussen demnach nicht nur das Wohlbefinden, sondern auch die Arbeitssicherheit von Lernenden direkt.

Dennoch würden psychosoziale Risiken in vielen Ausbildungsbetrieben weiterhin unterschätzt oder nicht systematisch in die Sicherheitskonzepte integriert. Gerade im Zusammenspiel mit körperlich anspruchsvollen Tätigkeiten erhöhe dies das Unfallrisiko zusätzlich.

Die Einschätzung des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes ist deutlich: Trotz rechtlich klarer Rahmenbedingungen bleibt der Schutz von Lernenden im Berufsalltag vieler Betriebe lückenhaft – mit teils gravierenden Folgen.

lal


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