Reto Knutti: «Es muss schneller vorwärts gehen bei der Reduktion von Treibhausgasemissionen und es braucht auch mehr finanzielle Investitionen.»

Am 8. März stimmen wir über die Klimafonds-Initiative ab. ETH-Klimaforscher Reto Knutti unterstützt die Initiative und plädiert dafür, dass Klimaschutz nicht als Einschränkung und Verzicht, sondern als Investition für einen starken Wirtschaftsstandort Schweiz verstanden wird.

Prof. Reto Knutti, Institute for Atmospheric and Climate Science, ETH Zurich © Valerie Chetelat

«direkt»: Wo stehen wir 2050, wenn wir mit den bisherigen klimaschützenden Massnahmen weitermachen?

Reto Knutti: Es ist schwierig, das auf eine genaue Jahreszahl zu sagen. Aber mit der heutigen Gesetzgebung und den jetzigen Massnahmen wird sich die Welt um knapp drei Grad erwärmen im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter. Das ist fast das Doppelte der 1,5 Grad, die im Pariser Klimaabkommen verabschiedet wurden. Wenn alle Länder die Massnahmen umsetzen würden, die sie versprochen haben, wären wir immer noch bei ungefähr 2 Grad. Das ist immer noch zu viel – und umgesetzt werden die Massnahmen leider nicht. Kurz gesagt: Wir sind weit weg von dem Ziel, wo wir eigentlich hinmöchten.

«direkt»: Welche Wirkung hat das Pariser Klimaabkommen?

Reto Knutti: Dank dem Pariser Abkommen von 2015 sind wir heute beim Klimaschutz entscheidend weiter als vorher. Aber Paris gibt ein globales Ziel vor und die einzelnen Staaten können aber selbst entscheiden, was sie unternehmen wollen, um dieses Ziel zu erreichen. Hier gibt es kaum klare Vorgaben. Das ist in etwa so, wie wenn man mit einem Hut rumgeht, um Steuern zu sammeln und alle können reinlegen, was ihnen gerade passt. Da kommt am Schluss nicht jene Summe zusammen, die man sich ursprünglich zum Ziel gesetzt hat.

«direkt»: Müsste die Schweiz als reiches Land mehr unternehmen?

Reto Knutti: Natürlich ist es auch eine Frage der Fairness. Welcher Staat muss mit seinen Möglichkeiten wie viel zur Treibhausgasreduktion beitragen? Es gibt das Prinzip der UNO-Rahmenkonvention: Die sogenannte gemeinsame, aber differenzierte Verantwortung. Das bedeutet, dass alle mitmachen müssen und wer mehr leisten kann, soll dies auch tun. Hier kann man auch wieder einen Steuervergleich heranziehen: Mit der Steuerprogression sollen Menschen mit viel mehr Geld überproportional mehr Steuern bezahlen. Und da können wir klar sagen: Die Schweiz leistet im Moment keinen genügend grossen Beitrag zu Paris. Das ist unbestritten.

«direkt»: Aktuell scheint das Thema Klimaschutz bei den Menschen nicht mehr im Vordergrund zu stehen.

Reto Knutti: Die Besorgnis ist nach wie vor gross. Das zeigen praktisch alle Sorgenbarometer. Auch in der Schweiz findet eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung, man müsste in diesem Bereich mehr unternehmen. Sobald es aber konkret wird, heisst es «nicht jetzt, nicht hier, nicht so, nicht ich und bitte gratis». Dabei haben wir in der Schweiz die Treibhausgasemissionen bereits um 40 Prozent pro Kopf reduzieren können, ohne, dass irgendwer das Gefühl hat, das Leben sei schlechter geworden.

«direkt»: Welchen Einfluss hat die geopolitische Lage auf die Klimapolitik?

Reto Knutti: Vor ein paar Jahren war Greta Thunberg am WEF und hat auf der Hauptbühne über die Klimaerhitzung gesprochen. Dieses Jahr am WEF ging es um künstliche Intelligenz und im inneren Zirkel um einen neuen Weltkrieg. Und wenn ich sehe, was in den USA aktuell passiert, dann habe ich auch das Gefühl, wir müssen zuerst schauen, dass nicht die Demokratie zugrunde geht. Kurzfristige, unmittelbare Bedrohungen stehen klar im Vordergrund. Aber die grosse, langfristige Bedrohung der Klimaerhitzung ist damit logischerweise nicht weg.

«Investition bedeutet, dass es sich langfristig ausbezahlen wird. Deshalb müssen wir die Klimafonds-Initiative unterstützen.»

«direkt»: Am 8. März stimmen wir in der Schweiz über die Klimafonds-Initiative ab. Der Fonds soll die finanziellen Mittel sicherstellen, um Investitionen in klimafreundliche Infrastruktur zu tätigen. Was halten Sie von diesem Vorschlag?

Reto Knutti: Es ist unbestritten: Es muss schneller vorwärts gehen bei der Reduktion von Treibhausgasemissionen und es braucht auch mehr finanzielle Investitionen – ich verwende dieses Wort bewusst: Investition bedeutet, dass es sich langfristig ausbezahlen wird. Deshalb müssen wir die Klimafonds-Initiative unterstützen.

«direkt»: Die Umfragen zur Abstimmung zeigen, dass nur eine Minderheit dem Vorschlag zustimmt. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Reto Knutti: Ich denke, es liegt an der Frage der Finanzierung. Woher kommt das Geld für diesen Fonds? Finanzierung wirkt ohne Zweifel, aber mit allen Sparmassnahmen und dem Geld, das in die Landesverteidigung investiert wird, ist es schwierig zu erklären, woher die 5 bis 10 Milliarden für den Fonds kommen sollen. Ich bin mir nicht sicher, ob bei der Bevölkerung angekommen ist, dass diese Investitionen neben der Schuldenbremse getätigt werden sollen und sich eben langfristig klar ausbezahlen werden. Ich will damit nicht die Initiative kritisieren – ich unterstütze diese. Es geht mir eher darum, wie in der breiten Bevölkerung über Klimaschutz gesprochen wird.

«Wir müssen davon wegkommen, dass Klimaschutz grundsätzlich als teuer und als linkes Anliegen verstanden wird.»

«direkt»: Wie müsste Ihrer Meinung nach über das Thema gesprochen werden?

Reto Knutti: Ich habe kein Patentrezept. Aber ich denke, wir müssen davon wegkommen, dass Klimaschutz grundsätzlich als teuer und als linkes Anliegen verstanden wird. Es geht nicht um rechts oder links. Es geht darum, dass Klimaschutz uns unabhängiger macht vom Import von fossiler Energie, dass er bessere Luftqualität bringt und Klimaschäden vermindert. Dass er nicht Einschränkungen und Verzicht bedeutet, sondern eine unabdingbare Investition in unsere Infrastruktur ist, um diese zukunftsfähig zu machen und unseren Wirtschaftsstandort zu stärken. Es geht darum, Innovation, Forschung und Arbeitsplätze in der Schweiz zu behalten. Mit unserer politischen Stabilität haben wir die besten Voraussetzungen dafür. Wenn wir das verpassen, wird die Rechnung am Ende viel teurer als jene der Investitionen, die wir jetzt tätigen müssten. Mit dieser Argumentation müsste eigentlich auch die Wirtschaft zu überzeugen sein.


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