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Erdbeben in Venezuela: «Wichtig ist jetzt die Frage: Was passiert mit den Überlebenden?»

Am 24. Juni haben zwei schwere Erdbeben im Norden Venezuelas verheerende Schäden angerichtet. Aktuell sind über 3600 Todesopfer bestätigt, rund 10'000 Menschen werden noch vermisst. Lukas Frohofer von Solidar Suisse über die Lage vor Ort.


«direkt»: Was wissen Sie über die aktuelle Lage im Katastrophengebiet?

Lukas Frohofer: Die Opferzahlen steigen laufend weiter. Das ist bei dieser Katastrophe besonders ausgeprägt, weil vor allem dicht besiedelte Gebiete betroffen sind und viele Menschen unter Trümmermassen begraben liegen. Man muss leider davon ausgehen, dass die Zahl noch zunehmen wird. Die grossen Search-and-Rescue-Teams, auch jenes aus der Schweiz, sind mittlerweile wieder abgereist, weil das übliche Zeitfenster für Rettungsaktionen abgelaufen ist. Nach fast zwei Wochen ist die Überlebenswahrscheinlichkeit sehr gering. Vor Ort sucht nun vor allem die lokale Bevölkerung selbst nach ihren Vermissten – oft mit grosser Frustration gegenüber Regierung und Militär, das eher kontrolliert als tatkräftig mitgeholfen hat.


«Zum Glück ist einiges an internationaler Unterstützung angelaufen, auch aus der Schweiz – im Vergleich zum langfristigen Bedarf ist das aber bei weitem nicht ausreichend.»


«direkt»: Wie geht es den Überlebenden?

Lukas Frohofer: Die Zahl der Toten bekommt am meisten Aufmerksamkeit, aber relevant für unsere Arbeit sind vor allem die Überlebenden. Es geht jetzt darum, eine würdevolle Unterkunft zu ermöglichen. Unter freiem Himmel zu leben ist enorm belastend, gerade für Frauen und Kinder. Dazu kommen Zugang zu Trinkwasser, sanitären Anlagen, medizinischer Versorgung und Nahrung. Das läuft zu Beginn oft relativ chaotisch ab, weil viele Akteure sich koordinieren müssen. Noch immer sind sehr viele Menschen praktisch obdachlos, Spitäler sind überlastet. Gleichzeitig sieht man grosse gegenseitige Solidarität in der Bevölkerung.

«direkt»: Venezuela steckt seit Jahren in einer politischen und wirtschaftlichen Krise. Wie wirkt sich das auf die humanitäre Versorgung aus?

Lukas Frohofer: Humanitäre Unterstützung folgt den humanitären Prinzipien und erreicht Menschen ausschliesslich nach dem Mass ihrer Not, unabhängig von politischen Erwägungen. Venezuela ist aber durch jahrzehntelange Misswirtschaft und US-Sanktionen ein extrem armes Land, die Bevölkerung hat kaum Reserven. Die Regierung ist zudem eher auf Kontrolle statt tatkräftiger Mithilfe fokussiert. Zum Glück ist einiges an internationaler Unterstützung angelaufen, auch aus der Schweiz – im Vergleich zum langfristigen Bedarf ist das aber bei weitem nicht ausreichend.

«direkt»: Was bedeutet das für die Zukunft?

Lukas Frohofer: Entscheidend wird der längerfristige Wiederaufbau: Was passiert mit den Menschen, die Häuser, Hab und Gut, Dokumente und so weiter verloren haben? Die Spendenbereitschaft ist aktuell hoch – das hilft in der akuten Nothilfe. Der Wiederaufbau braucht aber einen viel längeren Atem, und genau dort mangelt es meistens: Sobald ein Ereignis medial nicht mehr präsent ist, sinkt die Spendenbereitschaft spürbar. Umso wichtiger wird die Rolle der venezolanischen Regierung selbst sowie eine langfristige internationale Zusammenarbeit – die aber chronisch unterfinanziert ist.


«Weil der Wiederaufbau Jahre, teils Jahrzehnte dauert, ist die internationale Zusammenarbeit von grosser Wichtigkeit. Die aktuellen Kürzungen sind in diesem Zusammenhang sehr kontraproduktiv – die Bevölkerung wird dadurch weiter zurückgeworfen.»


«direkt»: Solidar arbeitet vor Ort mit dem Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) zusammen. Welche Rolle übernimmt die Organisation?

Lukas Frohofer: ASB ist Teil unseres internationalen Netzwerks und seit längerem in Venezuela aktiv, mit Fokus auf Menschen mit Behinderungen. Gerade sie sind in der Krise besonders verletzlich. Ein Beispiel: Wasser wird anfangs oft über zentrale Sammelstellen bereitgestellt, die für Menschen mit körperlichen Einschränkungen kaum erreichbar sind. Gemeinsam mit ASB und der lokalen Organisation FUNVAPE stellen wir deshalb Wasserfiltersysteme sowie Zugang zu Wasser und Toiletten gezielt auch für diese Menschen bereit.

«direkt»: Aktuell wird weltweit bei der internationalen Zusammenarbeit gekürzt. Welchen Einfluss hat diese Entwicklung auf die Lage in Venezuela?

Lukas Frohofer: Wie bereits gesagt ist das mediale Interesse und damit auch die Spendenbereitschaft am Anfang riesig, nimmt aber zwangsläufig ab. Und weil der Wiederaufbau Jahre, teils Jahrzehnte dauert, ist die internationale Zusammenarbeit von grosser Wichtigkeit. Die aktuellen Kürzungen sind in diesem Zusammenhang sehr kontraproduktiv – die Bevölkerung wird dadurch weiter zurückgeworfen. Für uns ist immer entscheidend, so früh wie möglich vor Ort zu sein, aber auch so lange wie nötig zu bleiben, um nachhaltige Wirkung zu erzielen.

Solidar Suisse in Venezuela

Solidar Suisse ist ein Schweizer Hilfswerk, das sich weltweit für Arbeitsrechte, Demokratie und humanitäre Unterstützung in Krisen- und Katastrophengebieten einsetzt. In Venezuela ist die Organisation Teil des internationalen Solidar-Netzwerks und arbeitet eng mit lokalen Partnerorganisationen zusammen – darunter der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) und FUNVAPE.

Nach den verheerenden Erdbeben vom 24. Juni unterstützt Solidar Suisse gemeinsam mit seinen Partnern besonders verletzliche Menschen vor Ort: mit Zugang zu sauberem Wasser, Hygieneeinrichtungen und gezielter Hilfe für Menschen mit Behinderungen, die von der Katastrophe besonders hart getroffen sind. Solidar Suisse ist dabei auf Spenden angewiesen.

jsc


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