Michaela Sparr, Pflegefachperson
«Meine beste Freundin, die bereits seit einigen Jahren in der Schweiz wohnte, schenkte mir 2012 ein One-Way-Ticket hierher», erzählt Michaela Sparr. Kaum in der Schweiz angekommen, fand Sparr einen Job in der Gastrobranche und entschied sich, zu bleiben. Zehn Jahre arbeitete sie als Servicemitarbeiterin und in der Küche eines Restaurants, bevor sie während der Pandemie in ein Pflegeheim in Ittigen bei Bern wechselte. «Gerade in der Pflege und in der Gastrobranche arbeiten sehr viele Menschen ohne Schweizer Pass», sagt Sparr.
Michaela Sparr lebt mittlerweile seit einigen Jahren in Münsingen, zusammen mit ihrem deutschen Partner und dem gemeinsamen siebenjährigen Sohn. Mit Sorge blickt sie auf die Abstimmung über die SVP-Initiative am 14. Juni. Sie fragt sich: «Was passiert mit uns, wenn die Initiative durchkommt?» Und: «Müssen wir dann die Schweiz verlassen?» Ihr Sohn ist hier geboren und hat nie woanders gelebt.
Eigentlich möchte sich die Familie gerne einbürgern lassen, «doch das kostet eine Menge Geld». Zudem sei es von Kanton zu Kanton unterschiedlich geregelt, ja sogar von Gemeinde zu Gemeinde. In Münsingen wohnt die Familie nun seit fünf Jahren – lange genug also, um das Gesuch zu stellen. «Aber es heisst auch, man müsse sich in der Gemeinde engagieren. Dafür reicht bei uns einfach die Zeit nicht.» Sparr arbeitet 80 Prozent, ihr Partner Vollzeit. Dazu kommt die Kinderbetreuung. Die Grosseltern, die für viele Familien in der Schweiz eine grosse Entlastung sind, wohnen alle in Deutschland.
Auch um ihre Mitarbeitenden oder um ihre Nachbar:innen ohne Schweizer Pass sorgt sich Sparr: «Ich denke, viele verstehen rein sprachlich auch nicht genau, worum es in der Initiative geht.» Oft seien das gerade diese Menschen, die hier Jobs übernehmen, die sonst niemand machen will.
Annick Kosel, Direktorin von Arciim (Westschweizer Verband zur Förderung der Eingliederung und Integration von Migrant:innen)
«Als Schweizerin mit Migrationsgeschichte und burundischer Herkunft gibt es viele Punkte, die mir bei dieser Abstimmung Sorgen bereiten», sagt Annick Kosel, Direktorin des Westschweizer Verbands zur Förderung und Integration von Migrant:innen. «Die Initiative würde die Ungleichheiten zwischen Migrant:innen aus Drittstaaten und den EU- und EFTA-Ländern weiter verstärken. Natürlich existieren diese bereits heute – wir haben beobachtet, wie ukrainische Geflüchtete im Vergleich zu Geflüchteten aus Drittstaaten aufgenommen wurden, als Russland die Ukraine angegriffen hat. Zu sehen, wie das eigene Land, die Schweiz, solche Ungleichheiten zulässt, lässt das Vertrauen in das System schwinden. Diversität ist Teil der DNA und der Schweizer Verfassung.» Kosel betont, dass sie sich um den gesellschaftlichen Zusammenhalt sorge: «Diese Initiative schürt ein Gefühl des gegenseitigen Misstrauens. Sie sendet ein negatives Signal an die Menschen mit Migrationsgeschichte, die hier leben.» Menschen aus EU-Staaten bekommen dieses Signal ebenfalls zu spüren, fügt sie hinzu.
«Ein Ja zu dieser Initiative wäre ein Rückschritt – zurück zum Saisonnierstatut, zurück zu den Kindern, die in Schränken versteckt wurden», sagt Kosel weiter. Und: In der Schweiz lebende EU-Bürger:innen würden Gefahr laufen, ihre Rechte zu verlieren.
«Ich bin überzeugt, dass eine Annahme dieser Initiative uns isolieren und uns von unseren Nachbarn entsolidarisieren würde», warnt sie. «Wenn man sich anschaut, was aktuell in den USA geschieht, sollte die Schlussfolgerung eigentlich sein, dass wir uns Europa annähern müssen und nicht noch weiter entfernen.»
Tiziana Simpson, Studentin und Kuratorin
«Ich bin in einer migrantischen Familie aufgewachsen und habe früh erlebt, wie unsicher ein Leben ist, das von Bewilligungen, Formularen und aktuellen politischen Stimmungen abhängt», erzählt Tiziana Simpson. Heute studiert sie in Bern. Zudem arbeitet Simpson als Kuratorin: «Inspiriert durch schwarze Denkerinnen und feministische Kämpfe kreiere ich Räume, in denen insbesondere Menschen mit Migrationsgeschichte gemeinsam sichtbar und laut auftreten können.»
Die 10-Millionen-Schweiz-Initiative treffe genau diese Menschen, so Simpson. «Die Initiative erzählt uns, dass wir ein Problem seien, das man begrenzen müsse.» Für sie ist aber klar: «Krisen entstehen nicht durch Migration, sondern durch ungleiche Machtverhältnisse, Rassismus und eine Politik, die Profite über Leben stellt.»
Tiziana Simpson unterstreicht: «Darum engagiere ich mich feministisch und antirassistisch – für eine Schweiz, in der wir uns frei bewegen, lieben und arbeiten können, ohne ständig unser Existenzrecht verteidigen zu müssen.»
eje/jsc
