Start International Atomkraft: Billiger Strom auf Kosten der Zukunft

Atomkraft: Billiger Strom auf Kosten der Zukunft

Frankreich gilt vielen als Vorbild für Atomenergie. Doch der scheinbar günstige Strom war nie wirklich billig – er wurde billig gemacht. Auch in der Schweiz wollen die Bürgerlichen neue AKW bauen und Atomstrom produzieren – obwohl das Beispiel Frankreich zeigt: Diese Rechnung geht nicht auf.

Dampf strömt aus dem Kühlturm des Kernkraftwerks Gösgen. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Nach dem Ölpreisschock 1973 setzte Frankreich massiv auf Atomkraft, um mehr Unabhängigkeit in der Stromversorgung zu erlangen. Bis 1994 brachte der staatliche Konzern EDF 50 Reaktoren ans Netz. Die Erfolgsgeschichte schien perfekt: stabile Strompreise, Energieunabhängigkeit vom OPEC-Öl, weniger CO2-Emissionen als Deutschland oder Italien.

Doch dieser Erfolg hatte seinen Preis, der erst heute bekannt wird. Der Bau der Reaktoren war teuer und wurde vom Staat mit günstigen Krediten, Haftungen und Sonderregeln massiv unterstützt. Laut französischem Rechnungshof entsprach das rund acht Prozent der gesamten Baukosten – Milliardenbeträge, die nie über den Stromverkauf in den Staatshaushalt zurückflossen.

Eine gewaltige Rechnung

Die meisten Reaktoren waren für 40 Jahre Laufzeit konzipiert. Eine zehnjährige Verlängerung kostet rund eine Milliarde Euro pro Anlage – also etwa 50 Milliarden insgesamt. Gleichzeitig müssen neue Reaktoren gebaut werden. Das Projekt Flamanville illustriert das Dilemma: Veranschlagt mit drei Milliarden Euro und Inbetriebnahme 2012, kostete es letztlich 13 Milliarden und ging erst 2024 ans Netz.

Das Ergebnis: EDF ist heute mit über 50 Milliarden Euro verschuldet. 2023 musste der französische Staat den Konzern vollständig übernehmen und erneut Milliarden zuschiessen. Hinzu kommen rund 40 Milliarden Euro für staatlich finanzierte Atomforschung seit 1950.

Versteckte Kosten

Wer Atomkraft als günstige Energiequelle bezeichnet, blendet die versteckten Kosten aus, die der Staat übernimmt und die kommenden Generationen belasten werden. Atomkraftwerke verursachen vier grosse Kostenpunkte: Bau, Betrieb, Wartung sowie Rückbau und Endlagerung. Nur einer davon – der laufende Betrieb – war tatsächlich gut kontrollierbar.

Auch bei der Wartung zeigte sich das Resultat jahrelangen Sparens: Während der Corona-Pandemie wurden Revisionen verschoben. 2022 wurden Korrosionsschäden entdeckt, woraufhin 30 von 56 Reaktoren gleichzeitig abgeschaltet werden mussten – ausgerechnet im Jahr der Energiekrise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Frankreich, einst Stromexporteur, musste plötzlich Strom importieren.

Schweiz: Bürgerliche wollen neue Atomkraftwerke

In der Schweiz hat die Stimmbevölkerung 2017 den schrittweisen Atomausstieg beschlossen. Damit wurde auch der Bau von neuen AKW untersagt. Doch dieses Verbot steht auf wackligen Beinen, denn wenn es nach Bundesrat Albert Rösti geht, soll dieses nun wieder aufgehoben werden. In der vergangenen Frühlingssession hat auch der Ständerat einem indirekten Gegenvorschlag zur Blackout-Initiative zugestimmt. Damit soll der Neubau von AKW wieder bewilligt werden können.

Ende März hat der Energiekonzern Axpo eine Studie veröffentlicht, in der Szenarien zur Verhinderung von Stromlücken im Winter untersucht wurden. Dabei warnt die Axpo davor, dass der Bau neuer AKW extrem teuer wäre. Ohne eine umfassende Risikoübernahme durch den Staat wären die finanziellen Risiken für kein Unternehmen tragbar. Damit bis 2050 ein neues AKW in Betrieb genommen werden könnte, müssten zudem das Neubauverbot aufgehoben und Bewilligungsverfahren beschleunigt werden. Aus diesen Gründen sieht die Axpo den Neubau von AKW kritisch.

Dieser Artikel wurde teilweise von kontrast.at übernommen.

Red. 


Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein