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Blertë Berisha: «Wir sehen seit Jahren eine konstant hohe Auslastung und Belastung in den Frauenhäusern.»

Häusliche Gewalt in der Schweiz nimmt zu, die Frauenhäuser stossen an ihre Grenzen. Im Interview spricht Blertë Berisha, Co-Geschäftsleiterin der Dachorganisation der Frauenhäuser Schweiz und Liechtenstein, über die Realität hinter den Statistiken, fehlende Finanzierung und warum Gewalt an Frauen ein gesamtgesellschaftliches Problem ist.

Foto: Ursula Häne (zvg)

«direkt»: Noch nie wurden in der Schweiz so viele Tötungen von Mädchen und Frauen erfasst wie im letzten Jahr. Auch die Fälle häuslicher Gewalt haben um vier Prozent zugenommen. Spüren Sie diese Entwicklung auch in den Frauenhäusern?

Blertë Berisha: Mir ist es immer wichtig, bei polizeilichen Kriminalstatistiken einen Kontext zu geben: Sie bilden ab, was angezeigt wird und wie die Polizei arbeitet, nicht wie häufig geschlechtsbezogene Gewalt tatsächlich vorkommt. Wir wissen auch, dass die Polizei, trotz Bestrebungen, nicht immer in unserem Sinn arbeitet – Stichwort Victim Blaming oder Racial Profiling. Wird der Betroffenen geglaubt? Werden die verschiedenen Formen von Gewalt erkannt und zugeordnet? Insbesondere bei weniger sichtbaren Formen wie psychischer, ökonomischer oder digitaler Gewalt ist das oft nicht der Fall. Und das alles beeinflusst, was überhaupt in diesen Statistiken landet.

«direkt»: Das heisst, die Statistiken zeigen nur einen Bruchteil der geschlechtsspezifischen Gewalt?

Blertë Berisha: Wir sehen seit Jahren eine konstant hohe Auslastung und Belastung in den Frauenhäusern. Bei unserer Arbeit orientieren wir uns nicht nur an Straftatbeständen, sondern an den Betroffenen, an unseren Beobachtungen aus der Praxis und an feministischen Grundhaltungen. Auch wenn die Mitarbeiter:innen immer versuchen, Lösungen zu finden – die hohe Auslastung ist kein langfristig zumutbarer Zustand.

«direkt»: Hat sich die Arbeit in den Frauenhäusern in den letzten Jahren verändert?

Blertë Berisha: Wir beobachten, dass die Fälle komplexer werden. Die Digitalisierung bringt neue, technologiebasierte Gewaltformen mit sich. Gleichzeitig wirkt sich der Notstand in der Psychiatrie und Psychotherapie direkt auf unsere Arbeit aus: Wenn eine Betroffene, die stark suizidal ist und eigentlich in eine Psychiatrie müsste, aber dort kein Platz ist – oder die Psychiatrie kein Schutzraum per se ist –, dann stehen wir vor einem Dilemma.

«direkt»: Wie gehen Sie mit diesen Herausforderungen um?

Blertë Berisha: Frauenhäuser sind immer bemüht, Lösungen für den jeweiligen Fall zu finden. Nicht selten sind sie aber gezwungen, Fälle weiterzuleiten – etwa, weil ein Haus nicht barrierefrei ist und eine Person im Rollstuhl nicht aufgenommen werden kann. Oder denken wir an eine stark suchtbetroffene Frau, die auch häusliche Gewalt erlebt. Auch für trans Menschen fehlen Schutzplätze. Es gibt nicht genug spezifische Schutzräume. Was ist mit all diesen Fällen, die nicht in ein Raster passen? Wir müssen genau an diese denken, wenn wir wirklich alle Menschen vor patriarchaler Gewalt schützen wollen. Es gibt kein «typisches» Opfer.


«Frauenhäuser müssen flexibel auf neue Entwicklungen reagieren können, ohne jedes Mal um Mittel kämpfen zu müssen. Denn die Formen patriarchaler Gewalt verändern sich auch, wenn die Unterdrückungsmechanismen – Kontrolle, Macht, Dominanz – dieselben bleiben.»


«direkt»: In den letzten Jahren sind verschieden Fälle von massiver geschlechtsspezifischer Gewalt publik geworden – von Epstein über Pelicot zum jüngsten Fall Christian Ulmen. Bei allen ist die öffentliche Empörung gross. Gibt es auf gesellschaftlicher Ebene eine Veränderung bei der Wahrnehmung von geschlechtsspezifischer Gewalt?

Blertë Berisha: Ja, was wir positiv wahrnehmen, ist eine zunehmende gesellschaftliche Aufmerksamkeit für dieses Thema. Genau jetzt ist es aber entscheidend, dass mit uns Expert:innen geredet wird. Und zwar auf allen Ebenen bei der Entwicklung von Massnahmen. Wir sind Fachexpert:innen aus der Praxis, und diese Perspektive fehlt in sehr vielen Lösungsansätzen.

«direkt»: Wo liegen die grössten Engpässe, und was braucht es jetzt konkret von der Politik?

Blertë Berisha: Die Engpässe sind vielschichtig – bei der Zeit, bei der Infrastruktur und bei den personellen Ressourcen. Und all das hat mit Finanzierung zu tun. Idealerweise dürften die Mitarbeiter:innen keinen Zeitdruck für Fachberatungen haben. Es braucht genügend Zeit für Schutz und für die Begleitung der Fälle. Zudem müsste ein Frauenhaus einen geringen administrativen Aufwand haben, um seine Leistungen geltend zu machen, sowie eine stabile Finanzierung. Und grundsätzlich braucht es dringend mehr Schutzplätze in den Frauenhäusern und genügend finanzielle und personelle Ressourcen.

«direkt»: Was würde das konkret verändern?

Blertë Berisha: Frauenhäuser müssen flexibel auf neue Entwicklungen reagieren können, ohne jedes Mal um Mittel kämpfen zu müssen. Denn die Formen patriarchaler Gewalt verändern sich auch, wenn die Unterdrückungsmechanismen – Kontrolle, Macht, Dominanz – dieselben bleiben. Früher war Gewalt physisch sichtbarer, heute findet sie vermehrt auch im digitalen Raum statt. Das alles erhöht die Komplexität der Fälle. Die Frauenhäuser müssen darauf reagieren können und nicht bei jeder kantonalen Budgetplanung hoffen, dass ihre Analysen und Anliegen verstanden werden.

«direkt»: Wie steht es um die Infrastruktur?

Blertë Berisha: Es braucht mehr barrierefreie Frauenhäuser, und zwar räumlich, sprachlich und kommunikativ. Leistungen für besonders vulnerable Gruppen und für Kinder müssen ausreichend finanziert werden. Die Finanzierung sollte sich nicht am einfachsten Fall orientieren, sondern am komplexesten. Um es in Zahlen zu fassen: Der Europarat empfiehlt ein Familienzimmer pro 10’000 Einwohnerinnen und Einwohner. Laut unseren Zahlen liegen wir bei einem Viertel dieser Empfehlung. Und es gibt weitere Beispiele für die Lücke zwischen Empfehlungen und Realität.


«Männer müssen sich zum Beispiel selbst reflektieren, bei sich genau hinschauen und auch bei ihrem männlichen Umfeld. Sie müssen verstehen, dass sie durch Ignorieren, Schweigen oder Relativieren gewaltvolle Situationen mittragen. Da sind wir noch lange nicht so weit.»


«direkt»: Bei der Finanzierung?

Blertë Berisha: Die Konferenz der kantonalen Sozialdirektorinnen und Sozialdirektoren (SODK) hat Empfehlungen entwickelt, etwa zur Übernahme von Übernachtungskosten über die Soforthilfe im Rahmen des Opferhilfegesetzes. Diese liegt aktuell in vielen Kantonen bei rund 35 Tagen. Das Problem ist, dass diese Empfehlungen erstens nicht verbindlich sind und zweitens, dass sich viele Kantone am Minimum orientieren. Niemand hindert einen Kanton daran, über die Norm hinauszugehen – der Kanton Waadt etwa übernimmt 60 Tage, was die Frauenhäuser administrativ sehr entlastet und den Betroffenen Stabilität gibt.

«direkt»: Was braucht es also zusammengefasst?

Blertë Berisha: Mehr Einbezug von Fachwissen und Expert:innen aus der Basis und deutlich mehr Geld. Es braucht auch viel mehr Primärprävention – in Schulen, Kitas, Jugendtreffs. Geschlechtsbezogene Gewalt muss als Querschnittsthema in allen Departementen seinen Platz haben, nicht nur im Gleichstellungsbüro oder im Sozialdepartement.

«direkt»: Geschlechtsspezifische Gewalt ist ein Thema, dass uns alle betrifft?

Blertë Berisha: Ja, patriarchale Gewalt ist ein gesamtgesellschaftliches Thema. Zum Beispiel: Lohnungleichheit ist ein Unterdrückungsmechanismus und diese Mechanismen schaffen Raum für Gewalt. Das bedeutet, dass alle in der Verantwortung stehen – sowohl in der Prävention und der Intervention. Männer müssen sich zum Beispiel selbst reflektieren, bei sich genau hinschauen und auch bei ihrem männlichen Umfeld. Sie müssen verstehen, dass sie durch Ignorieren, Schweigen oder Relativieren gewaltvolle Situationen mittragen. Da sind wir noch lange nicht so weit.

«direkt»: Mitte-Rechts-Politiker:innen behaupten immer wieder, die Migration sei das Hauptproblem bei der häuslichen Gewalt. Sie fordern deshalb mehr Repression gegenüber Tätern ohne Schweizer Pass. Ist ein solcher Vorschlag zielführend?

Blertë Berisha: Der Begriff «Migration» ist politisch geladen und wird unscharf verwendet. Was ist damit überhaupt gemeint? Es ist ein leerer Begriff, der beliebig gefüllt werden kann – und ich sehe das als politische Strategie, die bewusst offengelassen wird. Was die Statistik aus meiner Sicht vor allem zeigt, ist, dass die Polizei bei rassifizierten Tätern strenger kontrolliert und bestraft als bei weissen Männern. Es stimmt schlicht nicht, dass Schweizer Männer weniger gewalttätig sind. Die Gewaltformen, die ausgeübt werden, unterscheiden sich, aber die Mechanismen sind dieselben. Wenn man sich auf einen einzelnen Faktor fokussiert, schaut man nicht mehr genau genug hin – und die Lösungen sind dementsprechend die falschen. Das hilft auch den betroffenen Opfern nicht weiter.


«Viele politische Massnahmen orientieren sich oft an Strafverfolgung statt an Primärprävention oder an den tatsächlichen Bedürfnissen der Betroffenen.»


«direkt»: Gibt es demnach keinen Zusammenhang zwischen Gewaltausübung und Herkunft?

Blertë Berisha: Wir sagen schon lange, dass geschlechtsbezogene Gewalt mit vielen Faktoren zusammenhängt: mit ökonomischen Umständen, Wohnverhältnissen, Erfahrungen aus der Kindheit, Stress, Sucht, psychischer Belastung. Was aber der verbindende Faktor ist, ist Kontrolle, Dominanz und Macht. Und das Vereinheitlichende in all dem ist Männlichkeit. Natürlich gibt es auch herkunftsbedingte Unterschiede in der Anwendung von Gewalt, das will ich nicht bestreiten. Wenn eine Person aus einem autoritären Staat kommt, in dem Frauen keinerlei Rechte haben, kann sich das auf die Ausübung von Gewalt auswirken. Die Frage ist aber, was das für uns in der Schweiz bedeutet. Die Forderung nach Ausschaffung führt nicht dazu, dass Gewalt aufhört.

«direkt»: Über die Strafverfolgung hinaus: Was würde den Opfern helfen?

Blertë Berisha: Es braucht viel mehr Sensibilisierung. Den Opfern muss geglaubt werden. Zum Beispiel muss das Personal von Polizei und Justiz zu geschlechtsbezogener Gewalt verbindlich durch Fachpersonen ausgebildet werden – auch in Sorgerechtsverfahren. Gleichzeitig darf der Ansatz, dass patriarchale Gewalt gar nicht erst entsteht, nicht zu kurz kommen. Viele politische Massnahmen orientieren sich oft an Strafverfolgung statt an Primärprävention oder an den tatsächlichen Bedürfnissen der Betroffenen. Der Parallelbericht, den wir im Netzwerk Istanbul Konvention mitkoordiniert haben, bringt es auf den Punkt: Es fehlt an Strategie und Koordination, es fehlt an Finanzierung, es fehlt an intersektionaler Ausrichtung, und es fehlt an systematischem Einbezug der Zivilgesellschaft.

jsc


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