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«Durch die globalen politischen Veränderungen werden die Rechte von Sexarbeiter:innen weltweit wieder stärker in Frage gestellt.»

Zum internationalen Tag der Rechte für Sexarbeiter:innen hat «direkt» mit Christa Ammann, Geschäftsleiterin vom Verein XENIA, gesprochen. Mit ihrer Fachstelle berät XENIA Sexarbeiter:innen, Behörden sowie Betreiber:innen. Zudem informiert XENIA Medien und andere Interessierte in Fragen rund um das Sexgewerbe.

Christa Ammann, Geschäftsleiterin XENIA. Foto: Keystone/zvg. Montage: Direkt.

«direkt»: Frau Ammann, XENIA setzt sich seit über 40 Jahren für die Rechte von Sexarbeiter:innen im Raum Bern ein. Wie hat sich die Situation der Sexarbeiter:innen in den letzten Jahren verändert?

Christa Ammann: Das Einkommen der Sexarbeiter:innen ist insgesamt kleiner geworden. Gleichzeitig haben die Fixkosten in der Tendenz zugenommen. Durch die globalen politischen Veränderungen werden weltweit die Rechte von Sexarbeiter:innen wieder stärker in Frage gestellt. In der Schweiz ist der Zugang zu bezahlbarem Wohn- und Arbeitsraum, zu niederschwelligen und kostengünstigen Gesundheitsangeboten auch ein Thema. Aufgrund von nationalen Sparprogrammen sind Massnahmen zur Gesundheitsprävention, zur Bekämpfung von Gewalt und Ausbeutung unter Druck oder können nicht umgesetzt werden. Themen wie die Teuerung, immer höhere Krankenkassenprämien und Mieten wirken sich auch in der Sexarbeit aus: Einerseits auf Seiten Nachfrage bei Kund:innen, aber auch bei den Fixkosten der Arbeiter:innen.

«direkt»: Welches sind heute die grössten Herausforderungen für Sexarbeiter:innen?

Christa Ammann: Da die Lebensrealitäten sehr unterschiedlich sind, ist diese Frage schwer zu beantworten. Was weiterhin allen Sexarbeiter:innen gemeinsam ist, ist die alltägliche Konfrontation mit der Sexarbeitsfeindlichkeit, ausgelöst durch die Stigmatisierung. Der Begriff der Sexarbeitsfeindlichkeit wurde von Ruby Rebelde, einer sexarbeitenden Person und Aktivist:in aus Hamburg, geprägt.

«direkt»: Wie definiert Ruby Rebelde Sexarbeitsfeindlichkeit?

Christa Ammann: Sexarbeitsfeindlichkeit meint: Wer als Sexarbeiter:in tätig ist, wird durch Kriminalisierung, Andersmachung und Abwertung in kultureller, institutioneller, materieller und individueller Hinsicht diskriminiert. Dabei geht es um all die abwertenden Begriffe, aber eben auch um die Gleichmachung aller Sexarbeiter:innen. Es geht auch um zusätzliche Auflagen oder Regelungen, die nur Sexarbeiter:innen betreffen. Sexarbeiter:innen können beispielsweise keine Geschäftskonten eröffnen, kaum an Kredite kommen oder müssen aufgrund ihrer Arbeit höhere Mieten bezahlen.

«direkt»: Wie wirkt sich das auf die Sexarbeiter:innen aus?

Christa Ammann: Auf individueller Ebene zeigt es sich, dass viele Sexarbeiter:innen ein Doppelleben führen und auf Anonymität angewiesen sind. Das und die häufige Betroffenheit von Diskriminierung aufgrund von Herkunft, Geschlecht usw. macht sie besonders verletzlich für Gewalt.

«direkt»: Wenn Sie etwas Konkretes, von heute auf morgen, verändern könnten: Was wäre das?

Christa Ammann: Ganz konkret: Es gäbe mehr bezahlbare, gute Arbeitsplätze. Dabei denke ich an Studios, Appartements aber auch an Projekte wie «Le Barillon», das die Genfer Beratungsstelle für Sexarbeiter:innen Aspasie zusammen mit der Stiftung Philénis in Genf aufgebaut hat. Philénis vermietet und verwaltet Wohn- und Arbeitsräume zu fairen Preisen für Sexarbeiter:innen in Genf. Im «Le Barillon» werden möblierte und ausgestattete Zimmer für Sexarbeiter:innen mit Zugang zu einer Gemeinschaftsküche angeboten.

«direkt»: Sonst noch etwas?

Etwas abstrakter, aber in der Auswirkung auch sehr konkret: Das Stigma würde verschwinden. So wäre es beispielsweise auch einfacher, dass Sexarbeiter:innen bei politischen und behördlichen Entscheidungen, die ihr Leben betreffen, mitsprechen können, ohne sich dem Risiko von einem Zwangsouting oder einem «Othering» auszusetzen.

XENIA

Der Verein XENIA setzt sich seit der Gründung 1984 für die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Sexarbeiter:innen ein. Dazu gehört ein vielseitiges Beratungsangebot für Sexarbeiter:innen im Kanton Bern. Sexarbeiter:innen können sich bei Fragen zu Gesundheit, Arbeitsbewilligungen, Finanzen und psychosozialen Themen an die Beratungsstelle wenden. Zudem bietet XENIA aufsuchende Sozialarbeit an und stellt Betreiber:innen, Medienschaffenden und der Öffentlichkeit Informationen zur Verfügung.

XENIA engagiert sich zusammen mit der Schweizer Koalition für die Rechte von Sexarbeiter:innen für die Entkriminalisierung und somit gegen die Kriminalisierung der Sexarbeit oder des Kaufs sexueller Dienstleistungen, da diese negative Auswirkungen auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen, auf die Gesundheit von Sexarbeiter:innen, auf die Gewaltprävention und auf die Bekämpfung von Menschenhandel hat.

lal


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