«direkt»: Marcel Savarioud, mit wenigen Worten erklärt, worum geht es bei der Abstimmung zu den Alterszentren in der Stadt Zürich am 14. Juni?
Marcel Savarioud: Die Stadt Zürich betreibt rund 3000 Plätze in ihren Gesundheitszentren für das Alter. Die Preise für Unterkunft und Betreuung sind in einer Taxverordnung geregelt, über die bisher der Stadtrat alleine entscheidet. Eine Mehrheit des Gemeinderats möchte, dass künftig das Stadtparlament über diese Taxen bestimmt. Auslöser dafür war eine vom Stadtrat beschlossene Gebührenerhöhung, die nach Ansicht einer deutlichen Parlamentsmehrheit zu hoch ausgefallen ist.
Marcel Savarioud sass von 1998 bis 2022 für die SP im Zürcher Gemeinderat. Er war Mitglied der Gesundheitskommission. Savarioud ist Pflegefachmann HF, Langzeitbereich und Psychiatrie.
«direkt»: Wie haben sich die Alterszentren-Taxen in den letzten Jahren verändert?
Marcel Savarioud: Die Taxen in den städtischen Gesundheitszentren für das Alter wurden zuletzt deutlich erhöht, weil das Parlament und die Bevölkerung nicht mitreden dürfen. Als der Stadtrat die Gebühren ab 2024 um rund 6205 Franken pro Person und Jahr angehoben hat, konnte sich niemand dagegen wehren. Eine Mehrheit im Gemeinderat findet das problematisch. Sie möchte, dass künftig auch Parlament und Bevölkerung mitbestimmen können. So sollen Senior:innen besser vor extremen Gebührenerhöhungen geschützt werden.

«direkt»: Was heisst das konkret für eine Person, die nicht mehr eigenständig leben kann?
Marcel Savarioud: Ältere Menschen haben im hohen Alter oft keine Möglichkeit mehr, zu Hause zu leben und sind deshalb auf einen Platz in einem Alterszentrum angewiesen. Dieser Schritt bedeutet bereits einen tiefen Einschnitt in der letzten Lebensphase. Wenn die Taxen weiter steigen, geraten viele Bewohner:innen in die Ergänzungsleistungen – was sich für Betroffene häufig wie ein Übergang in die Sozialhilfe anfühlt. Menschen, die etwas angespart haben, müssen dieses Vermögen zuerst aufbrauchen, bevor sie Unterstützung erhalten. Dabei handelt es sich nicht um Wohlhabende; Personen mit grossem Vermögen leben in privaten Seniorenresidenzen, nicht in städtischen Alterszentren. Ich habe das auch als Angehöriger erlebt: Viele ältere Menschen und ihre Familien sind mit administrativen Aufgaben, Pflegeorganisation und emotionalen Belastungen bereits stark gefordert. Zusätzliche finanzielle Unsicherheiten oder hohe Taxenerhöhungen treffen sie in einer ohnehin schwierigen Lebensphase. Diese Realität sollte bei Gebührenerhöhungen berücksichtigt werden.
«direkt»: Linke Parteien fordern nun eine demokratische Mitsprache bei Gebührenerhöhungen in den Alterszentren. Warum ist das wichtig?
Marcel Savarioud: Gebührenerhöhungen in den Alterszentren haben in der Vergangenheit immer wieder zu heftigen Diskussionen geführt. Die betroffenen hochaltrigen Menschen gehören zu einer besonders verletzlichen Gruppe, die sich oft nicht mehr selbst wehren kann. Zwar könnten sie theoretisch gegen eine Gebührenerhöhung Einspruch einlegen, doch in der Praxis ist das für viele kaum zumutbar – schon aus Respekt gegenüber der Institution, in der sie leben. Angehörige sind zudem häufig mit Betreuung und administrativen Aufgaben ausgelastet. Das städtische Parlament bildet einen breiteren Ausschnitt der Bevölkerung ab als der kleine Stadtrat. Wenn es über Gebührenerhöhungen entscheidet, kann die Bevölkerung bei Bedarf das Referendum ergreifen. Damit wird die demokratische Mitsprache gestärkt.
«direkt»: Wie hoch könnten die Gebühren steigen, wenn die Vorlage abgelehnt wird?
Marcel Savarioud: Der Stadtrat reagierte trotz verschiedener parlamentarischer Vorstösse nicht auf die Forderung, die jüngste Gebührenerhöhung rückgängig zu machen. Deshalb besteht die Befürchtung, dass der zuständige Stadtrat Andreas Hauri (GLP) dem Stadtrat künftig weitere Erhöhungen vorschlagen wird.
jsc