In der Schweiz bezahlen verheiratete Paare einen höheren Steueranteil als unverheiratete Paare mit dem gleichen Lohn. Der Grund dafür? Die angegebenen Einkünfte verheirateter Paare werden addiert, wodurch sie in eine höhere Steuerklasse fallen. Das wird als «Heiratsstrafe» bezeichnet.
Das aktuelle Steuersystem setzt deshalb Anreize, dass die Person mit dem niedrigeren Lohn – häufig die Frau – auf ein höheres Arbeitspensum verzichtet. Am 8. März wird die Stimmbevölkerung über die Einführung der Individualbesteuerung abstimmen, mit der die Heiratsstrafe abgeschafft würde. Das Konzept ist simpel: Jede Person füllt ihre eigene Steuererklärung aus und bezahlt Steuern auf ihr Einkommen und Vermögen, unabhängig vom Zivilstand.
Ein moderneres und gleichberechtigteres System
Das Modell der Individualbesteuerung vereinfacht zudem die administrativen Schritte bei jeder Änderung des Zivilstands – beispielsweise im Fall einer Scheidung oder wenn ein:e Ehepartner:in stirbt. Es entspricht auch eher der aktuellen Realität, in der viele Haushalte aufgrund der hohen Lebenshaltungskosten zwei Einkommen benötigen.
Die Individualbesteuerung ist darüber hinaus ein geeignetes Instrument, um die finanzielle Unabhängigkeit verheirateter Frauen zu stärken: Sie ermöglicht ihnen, ihre finanzielle Situation besser zu kennen und im Ruhestand weniger armutsgefährdet zu sein.
Im Kontrast hierzu reproduziert das heutige System die traditionelle Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen und erhöht die finanzielle Abhängigkeit letzterer. Die Folgen machen sich vor allem nach der Pensionierung bemerkbar. Frauen erhalten im Durchschnitt 20’000 Franken weniger Rente als Männer pro Jahr, weil sie meist Teilzeit gearbeitet haben. Frauen in der Schweiz haben daher ein viel höheres Risiko, mit zunehmendem Alter in Armut zu geraten.
So oder so wird es eine Reform geben
Neben der Individualbesteuerung gibt auch eine zweite Initiative zu reden, die die Heiratsstrafe abschaffen soll. Diese Vorlage aus der Feder der Mitte zementiert jedoch überholte Geschlechterrollen: Nach wie vor würden Frauen nicht als individuelle Menschen besteuert, sondern gemeinsam mit ihrem Ehemann.
Auch finanziell unterscheiden sich die beiden Modelle stark: Das konservative Modell der Mitte würde zu Steuerausfällen von schätzungsweise 1,4 Milliarden Franken führen. Kenner:innen des Dossiers sprechen von sogar über zwei Milliarden. Das Modell der Individualbesteuerung dagegen begrenzt die Verluste erheblich bei gut 600 Millionen. Die Kompensation der Ausfälle fiele also einfacher.
Fakt ist: Die Heiratsstrafe muss abgeschafft werden. Die Stimmbevölkerung wird entscheiden können, ob sie eine zeitgemässe oder eine an alte Werte gebundene Lösung will.



