«direkt»: Herr Wälte, Sie beraten Menschen, die mit Schulden zu kämpfen haben. Wie häufig spielen dabei Steuerschulden eine Rolle?
Michel Wälte: Eine Erhebung des Dachverbands Schuldenberatung Schweiz zeigt, dass gut 80 Prozent der Ratsuchenden Steuerschulden haben. Bei uns in der Beratung ist das ähnlich: Steuerschulden sind eigentlich fast bei allen unseren Klient:innen mit Schulden ein Thema. Ausnahmen sind jene, die eine Aufenthaltsbewilligung mit Quellensteuer haben – dort wird der Steuerabzug ja bereits direkt vorgenommen.
Michel Wälte ist Sozialarbeiter und Geschäftsleiter der Familien-, Paar- und Erziehungsberatung Basel (Fabe). Die Fabe bietet unter anderem auch Schuldenberatung an. Fachpersonen unterstützen Betroffene dabei, einen Überblick über ihre finanzielle Situation zu gewinnen, ein realistisches Budget zu erstellen und nachhaltige Wege aus der Verschuldung zu finden – mit dem Ziel, langfristig eigenverantwortlich mit dem eigenen Geld umgehen zu können.
«direkt»: Steuerschulden können sich schnell anhäufen. Welche Konsequenzen drohen der Person, wenn sie die Schulden zu lange nicht bezahlt?
Michel Wälte: Die Konsequenz ist vielfach die Einleitung einer Betreibung und allenfalls eine Lohnpfändung. Wenn dann nichts bezahlt wird, endet das mit einem Verlustschein. Das sind die formalen Konsequenzen. Damit verbunden ist aber auch sehr viel Stress für die betroffenen Personen und Familien. Oft wird dann nach Strategien gesucht – manchmal wird sogar ein Kredit aufgenommen, um die Steuern zu bezahlen. Das ist natürlich nicht nachhaltig, sondern eine Scheinlösung. Weiter leidet die Gesundheit, weil die Schuldensituation so belastend ist. Auch Paar- und Familienprobleme können Folgen der Belastung sein sowie soziale Ausgrenzung und weitere Verschuldung.
«direkt»: Ist auch Scham ein Thema, das Ihnen in Ihrer Arbeit begegnet?
Michel Wälte: Auf jeden Fall. Viele schämen sich, dass sie ihr Budget nicht im Griff haben. Dabei sind die wenigsten einfach überschwängliche Konsument:innen, denen alles egal ist. Die meisten leiden stark unter ihrer Situation. Das hat auch Auswirkungen auf die Kinder. Der Schritt, eine Beratungsstelle aufzusuchen und einzugestehen, dass man ein Problem hat, ist nicht einfach. Aber er lohnt sich.
«Die neue Regelung ist kein Schuldsanierungsinstrument, dient aber dazu, Schulden vorzubeugen. Ein Teil des Einkommens, der sowieso für Steuern verwendet werden müsste, steht dann gar nicht erst zur Verfügung. Das erleichtert die Budgetverwaltung erheblich.»
«direkt»: Gibt es Faktoren, die dazu beitragen, dass Steuerschulden besonders leicht entstehen?
Michel Wälte: Ein wichtiger Faktor ist, dass die Steuerrechnung verzögert kommt – im Unterschied etwa zu den Krankenkassenprämien, wo die Rechnung jeden Monat fällig ist. Man weiss oft nicht genau, wie viel man schuldet, und die Rechnung trifft einen dann unvorbereitet. Besonders häufig erleben wir das bei Lebensveränderungen, wie etwa die Geburt eines Kindes. Gerade beim ersten Kind ist der Effekt am stärksten. Vorher gab es oft zwei Einkommen, nachher reduziert sich das, gekoppelt mit höheren Ausgaben. Und dann kommen noch Steuern aus der früheren Erwerbssituation mit höherem Einkommen hinzu. Ähnliches passiert bei Trennungen: Plötzlich muss ein Einkommen zwei Haushalte finanzieren, und gleichzeitig sind noch Steuern aus der Zeit zu zweit offen. Auch der Stellenverlust ist eine solche Belastungssituation. Was mich ausserdem beschäftigt, sind junge Erwachsene.
«direkt»: Sind Steuerschulden für viele junge Erwachsene ein Problem?
Michel Wälte: Ja, oft hängt das damit zusammen, dass ihnen die Eltern keine Budgetkompetenz weitergeben konnten. Sie schliessen die Ausbildung ab und bekommen zum ersten Mal einen richtigen Lohn – das ist toll – aber dann kommt plötzlich eine Steuerrechnung, mit der sie nicht gerechnet haben.
«direkt»: In Basel-Stadt wird am 14. Juni über einen freiwilligen Direktabzug der Steuern vom Lohn abgestimmt. Was halten Sie davon?
Michel Wälte: Ich finde das hilfreich. Die neue Regelung ist zwar kein Schuldsanierungsinstrument, dient aber dazu, Schulden vorzubeugen. Ein Teil des Einkommens, der sowieso für Steuern verwendet werden müsste, steht dann gar nicht erst zur Verfügung. Das erleichtert die Budgetverwaltung erheblich. Was ich besonders wichtig finde: Es geht nicht darum, dass man sich aktiv anmeldet – also ein sogenanntes Opt-in –, sondern der Abzug wird automatisch gemacht.
«direkt»: Man muss sich also aktiv gegen diesen Direktabzug entscheiden und dies melden?
Michel Wälte: Genau, dieser Unterschied ist entscheidend. Viele Menschen funktionieren nach dem Standard, der vorgegeben ist. Wenn der Standard der Abzug ist, wird er für viele einfach gelten – ohne dass sie extra aktiv werden müssen. Gleichzeitig können die Personen, die den Direktabzug nicht möchten, sich mit dem Opt-out abmelden.
«direkt»: Bürgerliche Parteien haben das Referendum gegen den Direktabzug ergriffen. Sie behaupten, dass der Lohnabzug nicht halte, was er verspreche. Zum Beispiel würden Menschen, die bereits heute Steuerschulden haben, sich gegen den freiwilligen Abzug entscheiden. Was halten Sie von diesem Argument?
Michel Wälte: Zum Teil mag das ja stimmen. Aber ich denke, es geht vor allem um jene Menschen, die noch keine Schulden haben. Es geht um Prävention. Für diese Menschen kann der Direktabzug wirklich sehr hilfreich sein.
«direkt»: Ein anderes Argument ist, dass man trotzdem noch eine Steuererklärung ausfüllen müsste.
Michel Wälte: Das ist so und es war nie der Anspruch, dass der Direktabzug die Steuererklärungspflicht aufheben soll. Weiter gibt es das Argument des administrativen Aufwandes für die Unternehmen. Bereits heute gibt es Lohnabzüge, zum Beispiel für die Sozialversicherungen. Das ist also nichts grundsätzlich Neues. Zudem betrifft es Unternehmen ab 50 Mitarbeitenden und die Unternehmen werden finanziell für den Aufwand entschädigt.
«direkt»: Zum Schluss: Was raten Sie Menschen, die bereits Steuerschulden haben – wo können sie sich Hilfe holen?
Michel Wälte: Sie suchen am besten eine gemeinnützige, nicht-kommerzielle Schuldenberatungsstelle auf. Dort wird zunächst ein solides Budget erstellt. Viele Betroffene versuchen, mit möglichst hohen Zahlungen möglichst schnell Schulden zu begleichen – und bringen sich damit selbst unter das betreibungsrechtliche Existenzminimum. In einer Beratung schauen wir gemeinsam, was überhaupt möglich ist, und wie neue Schulden verhindert werden können. Denn solange neue Schulden entstehen, lässt sich die Situation nicht verbessern.
Das Referendum zum Steuer-Direktabzug kommt im Kanton Basel-Stadt am 14. Juni 2026 zur Abstimmung. Die Vorlage basiert auf einer Volksinitiative der SP Basel-Stadt, die zugunsten eines Gegenvorschlages des basel-städtischen Grossen Rats zurückgezogen wurde. Die bürgerlichen Parteien haben gegen diesen Gegenvorschlag das Referendum ergriffen.
jsc



