«direkt»: Kurz erklärt: Was sind die Aufgaben der SRG?
Manuel Puppis: Der Programmauftrag der SRG ist im Radio- und Fernsehgesetz sowie in einer sogenannten Konzession definiert. Die SRG ist verpflichtet, ein qualitativ hochwertiges Informations-, Bildungs-, Kultur- und Unterhaltungsangebot bereitzustellen – und zwar in allen Sprachregionen und unabhängig davon, wo jemand wohnt. Zudem soll sie den Zusammenhalt und den Austausch zwischen den Sprachregionen fördern und bestimmten Bevölkerungsgruppen, die sonst wenig Sichtbarkeit haben, eine Stimme geben. Ausserdem ist die SRG verpflichtet, junge Menschen zu erreichen.
«Die Auswirkungen auf das publizistische Angebot wären massiv – mit der Hälfte des Geldes kann die SRG ihren heutigen Auftrag nicht mehr erfüllen.»
«direkt»: Welche Auswirkungen hätte ein Ja zur Anti-SRG-Initiative auf die Arbeit der SRG?
Manuel Puppis: Die Initiative verlangt zwei Dinge: Erstens sollen Haushalte nur noch 200 Franken Serafe-Gebühren pro Jahr bezahlen, und Unternehmen gar keine mehr. Unter dem Strich führt das zu einer Halbierung des jährlichen Budgets der SRG. Ihr stünden für das Programmangebot somit insgesamt noch 750 Millionen Franken zur Verfügung statt wie heute 1,5 Milliarden Franken. Die Auswirkungen auf das publizistische Angebot wären massiv – mit der Hälfte des Geldes kann die SRG ihren heutigen Auftrag nicht mehr erfüllen. Zweitens dürfte die SRG kein Onlineangebot mehr aus den öffentlichen Geldern finanzieren. Sie könnte einzig noch ihre Radio- und Fernsehsendungen «on demand» anbieten. Ein Online-Newsangebot oder Inhalte, die nicht im traditionellen Radio und TV schon ausgestrahlt würden, wären nicht mehr möglich.
«direkt»: Was bedeutet das langfristig, wenn die SRG keine Onlineangebote mehr publizieren darf?
Manuel Puppis: Das würde dazu führen, dass die SRG immer irrelevanter und schliesslich abgeschafft würde. Menschen bewegen sich heute online. Wenn es der SRG nicht mehr erlaubt ist, die Menschen dort zu erreichen, wo sie heute unterwegs sind – zum Beispiel mit einem interessanten News-Angebot oder mit einem Streaming-Dienst –, dann verliert sie massiv an Relevanz.
«Die meisten Inhalte, die die SRG produziert, sind für Private schlicht nicht rentabel.»
«direkt»: Sind die Gebühren in der Schweiz nicht viel höher als in anderen Ländern?
Manuel Puppis: Das stimmt nur auf den ersten Blick. Da die SRG verpflichtet ist, ein vollumfängliches Angebot auf Deutsch, Französisch, Italienisch und auch Inhalte auf Rätoromanisch anzubieten, sind die Kosten natürlich höher als in einem vergleichbaren Land mit nur einer Landessprache. Zudem gibt es in kleinen Ländern weniger Haushalte, die zur Finanzierung beitragen können. In Deutschland beispielsweise bezahlt ein Haushalt pro Jahr 220 Euro – ARD, ZDF und Deutschlandradio haben trotzdem zusammen ein Budget von rund 10 Milliarden Euro. Die SRG hingegen erhält aus der Serafe-Abgabe gerade mal 1,25 Milliarden Franken. Berücksichtigt man also die Mehrsprachigkeit, die Grösse des Landes und die Kaufkraft, dann sind diese 335 Franken pro Jahr im internationalen Vergleich nicht besonders hoch.
«Wir haben mit einer Studie für die Schweiz aufzeigen können, dass eine Abschaltung des Online-Nachrichtenangebots von SRF News nicht dazu führen würde, dass Menschen plötzlich für Abos von privaten journalistischen Angeboten zahlen. Stattdessen würden sie zu Gratis-Angeboten wechseln.»
«direkt»: Wenn die SRG ihr Programm abbauen muss: Könnten private Medienhäuser in die Lücke springen?
Manuel Puppis: Nein, das Geld würde dem Schweizer Medienmarkt entzogen. Die meisten Inhalte, die die SRG produziert, sind für Private schlicht nicht rentabel. Die einzige Ausnahme wären wohl die Ausstrahlungen von US-amerikanischen Filmen und Serien oder bestimmte Sportereignisse. Gerade bei Sportveranstaltungen würde aber wahrscheinlich ein grosser Anteil im Pay-TV landen, weil sich die Kosten für diese Rechte in einem so kleinen Markt wie der Deutschschweiz niemals allein über Werbung decken liessen – geschweige denn in der Romandie oder in der italienischen Schweiz.
«direkt»: Was würde mit anderen Genres passieren?
Manuel Puppis: Alles aus den Bereichen Information, Kultur, Bildung und eigenproduzierte Fiktion ist für private Fernsehsender nicht lukrativ, weil sich das aus dem Werbemarkt niemals refinanzieren lässt. Und wenn man in den Online-Bereich schaut, zeigt die Forschung klar, dass ein starkes Nachrichtenangebot des Service public die Nutzung privater Angebote und die Zahlungsbereitschaft für Journalismus nicht negativ beeinträchtigt.
«Letztlich ist die Demokratie darauf angewiesen, dass Menschen gut informiert sind.»
«direkt»: Dann stimmt es nicht, dass die SRG mit ihrem Angebot die privaten Medienhäuser konkurrenziert?
Manuel Puppis: Diese Verdrängungsthese ist in der Forschung bisher noch nie bestätigt worden. Wir haben mit einer Studie für die Schweiz aufzeigen können, dass eine Abschaltung des Online-Nachrichtenangebots von SRF News nicht dazu führen würde, dass Menschen plötzlich für Abos von privaten journalistischen Angeboten zahlen. Stattdessen würden sie zu Gratis-Angeboten wechseln. Diese könnten demnach sicher von einem Ja zur Halbierungsinitiative profitieren – ebenso wie globale Plattformen und soziale Netzwerke. In der gesamten Deutschschweiz würden aber höchstens – und diese Zahl ist bereits massiv überschätzt – 19’000 Abos mehr verkauft werden. Verglichen mit den fast 3 Millionen Haushalten und einer Printauflage von immer noch über 680’000 Exemplaren in der Deutschschweiz ist diese Zahl extrem bescheiden. Für die Informiertheit der Bevölkerung hätte eine Abschaltung der SRG-Onlineangebote also klar negative Auswirkungen.
«direkt»: Was wären die Folgen für die Demokratie in der Schweiz?
Manuel Puppis: Letztlich ist die Demokratie darauf angewiesen, dass Menschen gut informiert sind. Das heisst auch, dass es unabhängige und vielfältige Medien braucht, die über Ereignisse berichten, zur Meinungsbildung beitragen und kritisch einordnen. Das leisten natürlich auch private journalistische Angebote. Wenn aber die Online-Nachrichtenangebote der SRG wegfallen, führt das zu einer Abnahme der Medienvielfalt.
«direkt»: Die Initiative stammt aus der Feder der SVP. Was hat die Partei davon, wenn die SRG weniger Geld erhält?
Manuel Puppis: Es ist nicht nur die SVP. Auch andere Kreise sind unter den Initiant:innen vertreten. In ganz Europa gibt es Angriffe auf den Service public von drei Seiten: Erstens rechtspopulistische Parteien, die den Service public als Teil einer Elite kritisieren und ihm oft pauschal eine linke Tendenz unterstellen – obwohl kritischer Journalismus alle Parteien gleich kritisch hinterfragt. Zudem hat der Service public den Auftrag, die Vielfalt eines Landes abzubilden und eine vielfältige und sachgerechte Berichterstattung zu garantieren, was nicht immer im Interesse rechtspopulistischer Parteien liegt.
«direkt»: Zweitens?
Manuel Puppis: Zweitens kommt die Kritik aus neoliberalen oder libertären Kreisen, die behaupten, der Service public sei überflüssig. Die Gesellschaft brauche nur das, was der Markt produziert – doch Medien spielen eine wichtige politische und kulturelle Rolle für die Gesellschaft. Drittens sind es private Medienhäuser – insbesondere Zeitungsverlage –, die die SRG als Konkurrenz sehen und selbst digitale Geschäftsmodelle mit Abos aufbauen wollen. Aber auch hier spricht die Forschung dagegen: Es ist nicht so, dass ein Abbau bei der SRG dazu beitragen würde, dass mehr Abos verkauft werden. Im Gegenteil: Menschen, die SRG-Angebote konsumieren, nutzen oft auch eher private Angebote. Wer politisch interessiert ist, nutzt beide Formen von Medien und ist auch bereit, dafür zu bezahlen.
«direkt»: Mit sozialen Medien und KI wird Desinformation zu einem wachsenden Problem. Welche Rolle kommt dabei dem Service public zu – und was passiert, wenn diese geschwächt werden?
Manuel Puppis: Es ist unbestritten, dass soziale Netzwerke, Suchmaschinen und KI-Tools wie Chatbots für viele Menschen bei der Informationsbeschaffung immer wichtiger werden. Klassische Medien werden zwar weiterhin genutzt, aber längst nicht mehr ausschliesslich. Das verändert grundlegend, wie Öffentlichkeit funktioniert und wie sich Menschen in einer Demokratie informieren. Diese Entwicklung bietet Chancen: Stimmen, die in klassischen Medien weniger Gehör finden, können sichtbarer werden. Zudem entstehen neue Möglichkeiten für Diskussion, Austausch und Partizipation.
«direkt»: Welches sind die Risiken?
Manuel Puppis: Viele dieser Plattformen gehören privaten Unternehmen mit primär kommerziellen Interessen. Ihre Geschäftsmodelle zielen darauf ab, Nutzer:innen mit den von Algorithmen ausgewählten Inhalten möglichst lange auf der Plattform zu halten, um ihnen möglichst viel Werbung zeigen zu können. Für die dort verbreiteten Inhalte gelten keine demokratischen Anforderungen oder publizistischen Standards wie bei redaktionell verantworteten Medien. So wird auch Desinformation verbreitet. Auch wenn Desinformation nicht automatisch bedeutet, dass Menschen sie glauben oder dass sie direkt Wahl- und Abstimmungsentscheide beeinflusst, wird es zunehmend schwieriger, verlässliche von manipulativen oder falschen Inhalten zu unterscheiden. Umso wichtiger ist es deshalb für Nutzer:innen zu wissen, welche Angebote vertrauenswürdig sind. In diesem Kontext sind journalistische Medien zentral. Und auch die SRG liefert hier ihren Beitrag: Sie steht für journalistische Standards und Verlässlichkeit. Wenn ihre Onlineangebote wegfallen oder stark eingeschränkt werden, gibt es insgesamt ein qualitativ wichtiges Informationsangebot weniger.
