Start Gesellschaft «Die Manosphere verarscht mich»

«Die Manosphere verarscht mich»

Der weltweite Backlash zeigt sich nicht nur in den Statistiken zu häuslicher Gewalt und Femiziden, sondern ist bis in die Schulzimmer zu spüren. Immer mehr junge Männer vertreten frauen- und queerfeindliche Ansichten. Was tun? Kambez Nuri von der Fachstelle OH BOY* gibt Einblick in seine Arbeit mit Jugendlichen.

Kambez Nuri an der Tagung zu geschlechtsspezifischer Gewalt der SP Schweiz und SP Frauen. Foto: Aleksandra Zdravković

«direkt»: Oft ist die Rede von der sogenannten «Manosphere». Wie gross ist die Bewegung tatsächlich?

Kambez Nuri: Antifeministische und queerfeindliche Äusserungen sind auf jedem Pausenplatz präsent. Die Manosphere und Influencer bieten in Online-Foren und in den sozialen Medien einfache Antworten auf komplexe Fragen und sprechen so Jugendliche an. Besonders in der Pubertät sind viele unsicher und haben Angst vor einem Statusverlust. Die Manosphere nutzt diese Unsicherheit aus.

Kambez Nuri

Kambez Nuri ist Co-Leiter der Fachstelle OH BOY* von männer.ch und hat den Workshop «Männlichkeit, wer ist das?» mitentwickelt. Als Sozialarbeiter, transkultureller Berater und Gewaltberater arbeitet er mit Jugendlichen, erwachsenen Männern und pädagogischen Fachpersonen und ist zudem als Berater beim mannebüro züri tätig.

«direkt»: Wie erreicht ihr Jugendliche in der Manosphere?

Kambez Nuri: Mit dem Projekt «OH BOY*» bieten wir Jugendlichen in Schulen einen Raum, um über Identität, Unsicherheiten und Ambivalenzen zu sprechen. Viele erleben einen Widerspruch: Einerseits wird von ihnen erwartet, emotional und verletzlich zu sein, andererseits werden sie online mit gegenteiligen Botschaften konfrontiert. Hier versuchen wir Orientierung zu geben.

«direkt»: Was sagt ihr einem Jugendlichen, der findet, Männer würden heute systematisch benachteiligt?

Kambez Nuri: Wir distanzieren uns von der Aussage, nehmen aber seine Gefühle ernst. Es bringt nichts, mit Statistiken zu kontern, wenn er sich nicht gehört fühlt. Der Schlüssel im Rahmen unserer Workshops ist Beziehung. Wir bieten Reflexionsräume an und nehmen die Jugendlichen ernst – ohne ihre problematischen Aussagen zu relativieren. Wenn ein Jugendlicher misogyne Sprüche klopft, fragen wir: «Was löst das in dir aus? Woher kommt das?» Oft steckt dahinter die Angst, in der männlichen Rangordnung abzusteigen. Wir versuchen, Verantwortung zu fördern – und die Jungen als Teil der Lösung zu sehen. Klare Grenzen sind jedoch wichtig, wir tolerieren keine rassistischen oder sexistischen Äusserungen. Aber wir versuchen, die Jugendlichen dort abzuholen, wo sie stehen, und ihnen Sicherheit zu geben, damit sie sich öffnen können.

«direkt»: Was verändert sich konkret bei einem Jungen nach einem Workshop?

Kambez Nuri: In Feedback-Runden hören wir Sätze wie «ich möchte meine Freundin anders behandeln», «ich habe zum ersten Mal mit Erwachsenen über mich reden können» oder «ich will ein besserer Freund sein». Viele merken, dass sie in der Rolle des harten, dominanten Mannes gefangen sind. Wenn sie sich öffnen, erkennen sie, dass ihre grösste Angst oft ihre eigenen Freunde sind: Sie trauen sich nicht, Gefühle zu zeigen, aus Sorge, ausgelacht oder ausgeschlossen zu werden. Der Workshop gibt ihnen die Möglichkeit, verletzlich zu sein – und das verändert ihr Verhalten.

«direkt»: Was motiviert Jugendliche, ihr Verhalten tatsächlich zu ändern?

Kambez Nuri: Wenn sie feststellen, dass ihr Verhalten als harter Macho sie unglücklich macht. Wir zeigen ihnen auch Statistiken – beispielsweise, dass 95 Prozent der Gefängnisinsassen Männer sind. Das schockiert sie. Plötzlich verstehen sie: «Die Manosphere verarscht mich.» Der grösste Motivator ist aber Solidarität und das Gefühl, nicht allein mit der Unsicherheit zu kämpfen.

«direkt»: Woher kommt diese antifeministische Haltung, diese Gewaltbereitschaft?

Kambez Nuri: Patriarchale Männlichkeitsnormen begünstigen Gewalt. Jungen begegnen diesen Normen überall – in der Familie, im Sport, in der Schule, in Online-Foren. Wenn ein 16-Jähriger vom Lehrmeister angeschrien wird: «Du bist kein Mädchen! Du kommst pünktlich, machst deinen Job!», dann signalisiert das: Weiblichkeit ist schwach, Männlichkeit bedeutet Härte. Selbst kleine Jungen lernen früh, dass Rumschreien männlich ist, während Mädchen für dasselbe Verhalten kritisiert werden. Die patriarchale Sozialisierung ist traumatisierend und führt zu Isolation und Gewaltbereitschaft. Und auch die Politik trägt Mitschuld: Wenn autoritäre Akteure wie Trump oder AfD-Leute Gewalt verherrlichen, wird das für Jugendliche zum Vorbild.

«direkt»: Was ist ein gutes Männlichkeitsbild?

Kambez Nuri: Männer können alles sein. Ein echter Mann muss kein Klischee erfüllen. Er kann ein Sixpack haben und ein Buch lesen. Er kann weinen und gleichzeitig ein starker Freund sein. Er kann Unterstützung geben – und sie auch annehmen. Er kann eine Sechs im Zeugnis haben – oder eine Zwei. Das macht ihn nicht weniger wertvoll oder «männlich». Zentral ist, dass man seine Grenzen und jene der anderen erkennt. Und Humor ist immer hilfreich.

Die Manosphere: Männlichkeit als Kampfbegriff

Die Manosphere bezeichnet ein loses Netzwerk von Online-Communities, die sich um ein reaktionäres Bild von Männlichkeit gruppieren. Was als scheinbar harmlose Selbsthilfe für Männer beginnt – etwa in Foren über Fitness oder Beziehungsratschläge – mündet oft in offen frauenfeindliche, rassistische und antidemokratische Weltbilder. Zu den bekanntesten Strömungen gehören die sogenannten «Incels» (unfreiwillig Zölibatäre) und die Pick-up-Artists sowie die «Red Pill»- und «MGTOW»-Bewegungen. Gemeinsam ist ihnen die Überzeugung, dass Männer – insbesondere weisse Männer – die eigentlichen Opfer der modernen Gesellschaft seien. Feminismus wird als Bedrohung dargestellt, Frauen werden objektiviert oder offen verachtet. Wissenschaftlich ist die Manosphere gut dokumentiert als Rekrutierungsfeld für Rechtsextremismus: Die Ideologie des «bedrohten Mannes» bildet eine Brücke zu anderen reaktionären Bewegungen. Mehrere Attentate weltweit wurden von Tätern begangen, die sich explizit auf Manosphere-Ideologien beriefen.

red/Dieser Artikel wurde grösstenteils vom Links übernommen.  


Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein