
«direkt»: Jasmin Bärtschi und Wanda Siegfried, ihr wart beide an der Pride in Budapest. Wie war die Stimmung?
Jasmin Bärtschi: Es hat sich wirklich historisch angefühlt. Die Stimmung war sehr gut und ausgelassen, ich habe mich sehr sicher gefühlt. Umso schöner, denn letztes Jahr haben die Menschen noch mit Bauchschmerzen an der Pride teilgenommen. Im Gegensatz dazu war dieses Jahr eine Entspanntheit spürbar. Ich hatte das Gefühl, die Leute sind sehr erleichtert und froh, dass sie jetzt an eine Pride-Demonstration können, ohne Angst vor Repression haben zu müssen.
«direkt»: Ihr wurdet von Rainbow Rose eingeladen, der queeren Organisation der sozialdemokratischen Parteien Europas. Wieso war es für euch wichtig teilzunehmen?
Wanda Siegfried: Einerseits, weil internationale Vernetzung superwichtig ist. Rechte Netzwerke sind gerade sehr stark und vernetzen sich europaweit. Wir müssen dem als Linke auch etwas entgegenstellen können. Andererseits glaube ich auch, dass wir immer voneinander lernen können. Das haben wir bei unserem Besuch in Ungarn erneut gemerkt. Es war sehr spannend zu sehen, wie wir uns alle mit ähnlichen Themen beschäftigen – natürlich auf unterschiedlichen Ebenen und Ausganspunkten. Es gibt viele der, die schon weiter sind als wir in der Schweiz.
Jasmin Bärtschi: Für mich war es wichtig teilzunehmen, weil ich der Überzeugung bin, dass wir Erfolge feiern müssen. Die Pride 2025 in Budapest war ein Anlass, wo sich internationale Solidarität bewiesen hat. Sie wurde so gross, weil sich der ungarische Widerstand gegen Viktor Orbán organisiert hat, aber auch, weil Rainbow Rose und andere linke Netzwerke die Teilnahme von Parlamentsmitgliedern aus verschiedenen Ländern organisiert haben. Die Pride dieses Jahr war deshalb auch ein Fest, um die Leistung aller zu feiern, die Resilienz bewiesen haben.
«direkt»: Haben die Aktivist:innen vor Ort auch die aktuelle Lage in Ungarn mit dem neuen Premierminister Péter Magyar angesprochen? Er hat das Anti-LGBTQIA+-Gesetz aus der Ära Orbán beispielsweise noch nicht rückgängig gemacht.
Jasmin Bärtschi: Nur kurz, aber nicht an der Pride selbst, sondern an einem Workshop von Rainbow Rose. Und ja, das war ein bisschen ernüchternd. Der aktuelle Premierminister ist kein grosser Liberaler, sondern vielmehr ein Nationalist. So wie ich es verstanden habe, interessiert er sich kaum für die LGBTQIA+-Community. Zum Beispiel hat Magyar bei einer Rede im Parlament gefragt: «Möchtet ihr lieber, dass ein Pflegekind in einer gewaltvollen Familie aufwächst oder bei Queers?» Das ist wohl aber das Queerfreundlichste, das er sagen würde.
Wanda Siegfried: Wir waren auch am Empfang mit dem Budapester Bürgermeister Gergely Karácsony eingeladen. Von ihm hatte ich einen sehr positiven Eindruck. Er hat sich 2025 hinter die Queers gestellt und gesagt: «In unserer Stadt findet diese Pride statt.» Diese Pride wurde mehr als eine queere Demonstration, es war eine feministische, pro-migrantische – eigentlich eine Anti-Orbán-Demonstration.
«direkt»: Auch in der Schweiz macht sich der rechte Backlash gegen queere Rechte spürbar. Immer wieder werden Umfragen publiziert, die zeigen, dass die Akzeptanz von LGBTQIA+-Personen rückläufig ist. Was löst das bei euch aus?
Wanda Siegfried: Backlash gibt es ja eigentlich nur, weil es Sichtbarkeit und Fortschritte gibt. In diesem Sinn gibt es auch ein bisschen Hoffnung, weil wir Verbesserungen erkämpft haben. Aber gleichzeitig ist es natürlich so, dass auch gerade trans Menschen sehr stark unter Beschuss sind und es für sie gefährlich wird. Wir müssen weiterhin politische Forderungen stellen, um ihre und unsere Sicherheit zu gewährleisten und schlussendlich auch, um die Menschenrechte queerer Personen abzusichern.
Jasmin Bärtschi: Mir macht zwar der Backlash Angst, aber es gab ihn schon immer. Menschen, die bereits während der Aids-Krise queere Aktivist:innen waren, sind weniger alarmiert, weil sie das schon so oft überstanden haben. Und trotzdem muss es gesagt werden. Deswegen finde ich es im Moment wirklich besorgniserregend, dass die Jugend, und gerade junge Männer, konservativer werden. Die Effekte sind direkt spürbar: Es werden unter anderem mehr Hassverbrechen bei der LGBTQIA+-Helpline gemeldet. Das hängt mit den rechten Parteien zusammen, die Feindbilder schüren und sich dabei auf die vulnerabelsten Gruppen konzentrieren. Heutzutage sind das vor allem trans Menschen. Wir beobachten, dass transfeindliche Narrative in der Bevölkerung stark verankert sind; das letzte Beispiel war der Vorfall im Berner Marzili-Bad.
Wanda Siegfried: Das Beispiel der Pride in Ungarn zeigt aber auch, dass es nicht nur rückwärtsgehen muss. Mir gibt das Hoffnung.
Jasmin Bärtschi: Ja, sicher. Und klar wäre es besser, hätten sie jetzt einen linken Präsidenten. Aber immerhin sind queere Menschen nicht mehr die Sündenböcke und nicht mehr Feindbild Nummer 1. Ich rechne das der ungarischen Bevölkerung hoch an, dass sie das durchschaut hat. Ob trans Personen existieren oder nicht, hat keinen Einfluss auf deine Miete oder auf die Lebensmittelpreise. Was aber das Leben der Ungar:innen verschlechtert hat, waren die Korruption und der Krieg Russlands gegen die Ukraine.
«direkt»: Wie erlebt ihr die europäische Zusammenarbeit mit anderen, queeren Aktivist:innen?
Jasmin Bärtschi: Es ist sehr spannend, sich über die Gemeinsamkeiten auszutauschen und die rechtlichen Grundlagen der Länder zu vergleichen. Zum Beispiel ist die Niederlande viel weiter als die Schweiz, wenn es um Pflegekinder, Adoptionsrechte und künstliche Befruchtung geht. Und dann waren auch zwei aus Belarus geflüchtete Personen vor Ort: Im April hat Lukaschenko sein eingeführt, das sogenannte «Propaganda» für Kinderlosigkeit verbietet, aber auch für Homosexualität und Transidentität, um «traditionelle Werte» zu schützen. Belarussische Frauen können also ins Gefängnis kommen, wenn sie öffentlich sagen: Das zeigt auch, wie die Repressionsspirale von rechts funktioniert: Zuerst werden trans Menschen unterdrückt, dann kommen die restlichen Queers, dann cis Frauen.
Wanda Siegfried: Ausserdem haben wir einen spannenden Vortrag eines Aktivisten aus Frankreich gehört, der eine europäische Bürger:inneninitiative zum Verbot von «Konversionstherapien» eingereicht hat. Solche Massnahmen sollen queere Menschen «heilen». Ich fand es spannend, weil diese politische Arbeit grosse Parallelen zum direkt demokratischen System der Schweiz aufweist.
Jasmin Bärtschi: Für mich war das auch sehr interessant, weil das Verbot von Konversionstherapien im Kanton Zürich gerade erst 2025 diskutiert wurde. Während der Debatte hiess es immer, es bräuchte eine nationale Regelung, der Kanton könne das nicht machen. Der Bund wiederum sagte, sie er beziehe sich auf die EU-Richtlinien. Das heisst, ein EU-weites Verbot, wie es der französische Aktivist fordert, hätte für die Sicherheit aller queerer Menschen direkt einen positiven Effekt. In Frankreich sind Konversionsmassnahmen zum Beispiel verboten, aber Personen, die nahe an der Schweizer Grenze wohnen, werden dann einfach für diese Folter in die Westschweiz geschickt. Das zeigt wieder eindrücklich: Die Schweiz ist keine Insel.
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