«direkt»: Anne Jeanneret, was genau macht Ihr Verein «Nouveau départ»?
Anne Jeanneret: Wir helfen gewaltbetroffenen Personen, Unterstützung zu finden und erklären ihnen, wie sie vorgehen können. Wer Opfer von geschlechtsspezifischer und sexualisierter Gewalt wird, weiss oft nicht, wo anfangen und an wen man sich wenden kann. Wichtig ist, dass man ärztliche Atteste vorweisen kann und ein Tagebuch führt, das belegt, was man durchlebt. Das heisst: Betroffene müssen Beweise für den Vorfall vorweisen können, mit medizinischen Belegen und so gut wie möglich dokumentiert. Wenn genügend Beweismaterial vorliegt, können sie bei der Opferhilfe darum bitten, einen Fall anzulegen. So können sie die ersten vier Stunden Rechtsbeistand sowie bestimmte Hilfen und Therapien in Anspruch nehmen. Zum Beispiel übernehmen die Opferhilfezentren normalerweise die Kosten für Selbstverteidigungskurse.
« Zum Beispiel übernehmen die Opferhilfezentren normalerweise die Kosten für Selbstverteidigungskurse.»
«direkt»: Anne Jeanneret, die Zahl der gemeldeten Fälle von geschlechtsspezifischer und sexueller Gewalt steigt von Jahr zu Jahr. Können Ihr Verein und die staatlichen Angebote mit der Nachfrage mithalten?
Anne Jeanneret: Wir nehmen ihn anhand der steigenden Zahl der Anrufe wahr. Dazu kommt: Einige staatliche Stellen bieten leider nicht genügend Unterstützung, insbesondere das Jugendamt und bestimmte Opferhilfezentren. Anfang des Jahres kam eine Frau zu uns, die eine:n Anwält:in brauchte. Die Übernahme der Kosten für die ersten vier Stunden wurde ihr von einer Beratungsstelle verweigert, weil angeblich kein Geld da war. Ich fragte mich: Mitten im Januar – Anfang Jahr – die Übernahme der ersten vier Stunden zu verweigern, weil kein Budget da ist – wirklich? Was mich darüber hinaus besonders beunruhigt, ist der Mangel an Betreuung in allen Kantonen. Dabei verpflichtet Artikel 302 des Zivilgesetzbuchs die Kantone seit dem 1. Juli dazu, eine Betreuung anzubieten.
«direkt»: Sie waren selbst Opfer von Gewalt durch Ihren Ex-Partner. Wie nehmen Sie die aktuelle öffentliche Debatte zu diesem Thema wahr?
Anne Jeanneret: Es gibt einen enormen Unterschied zwischen dem politischen Diskurs und der Realität. Ein typisches Beispiel ist die elektronische Fussfessel. Aktuell sind diese im Standby-Modus, damit kann der Täter geolokalisiert werden. Wenn er also flüchtet, kann man feststellen, wo er sich befindet. Nun wird darüber diskutiert, dass die gewaltbetroffene Person auch ein Apparat tragen soll, beispielsweise auch eine Fussfessel, damit eine Annährung registriert werden kann.
«direkt»: Stehen Sie dieser Möglichkeit gegenüber kritisch?
Anne Jeanneret: Ja, sie stigmatisiert aus meiner Sicht die gewaltbetroffene Person. Es gäbe andere, einfachere Lösungen, wie zum Beispiel die Ortung von Mobiltelefonen. Dynamische elektronische Fussfesseln sind zwar gut, aber es muss Konsequenzen geben. Wie oft habe ich schon den Notruf 112 gewählt, und die Polizei kam, ohne etwas zu unternehmen? Dabei stand mein Angreifer vor einem Laden, gegenüber vom Haus, in dem ich mit meiner Familie wohne, rauchte und beobachtete uns seit über einer halben Stunde. Er spionierte uns regelrecht aus.
«direkt»: Sie sprechen von psychischer Gewalt, die die Polizei nicht ahndet?
Anne Jeanneret: Genau. Dieser Mann hat sogar mit der Entführung unseres Kindes gedroht, ohne dass von Amtes wegen gegen ihn ermittelt wurde. Dabei habe ich sogar Beweise dafür, denn diese Drohungen wurden im Rahmen eines psychiatrischen Gutachtens geäussert und daher protokolliert. Mit dieser Geschichte bin ich längst nicht die Einzige.
«Und das alles, weil die Sozialdienste «elterlichen Konflikt» vermerkt hatten und der Richter die Situation daher als Konflikt interpretierte.»
«direkt»: Ihr Verein hilft auch gewaltbetroffenen Kindern. Welcher Zusammenhang besteht zwischen Gewalt gegen Frauen und Gewalt gegen Kinder?
Anne Jeanneret: Der Zusammenhang ist einfach. Gemeinsame Kinder sind eine Barriere zwischen dem Täter und dem Opfer. Kommt es zu Gewalt gegen das Kind oder wird dieses sogar getötet, geht es oft darum diese Barriere zu beseitigen. Häusliche Gewalt ist wie ein Horrorfilm und das Kind wird gezwungen, diesen mit anzuschauen oder wird selbst Teil davon. Daher haben die gewaltbetroffenen Elternteile die Verantwortung, die Beziehung aufzulösen, auch um des Kindes Willen. Aber auch unsere Richter:innen tragen einen Teil dieser Verantwortung. Es gibt Fälle, in denen das Jugendamt häusliche Gewalt als simplen «elterlichen Konflikt» abtut. Das kann für das Kind im schlimmsten Fall tödlich enden. Ich weiss von einem Fall, bei dem die Mutter aus Panik floh und das Kind zurücklies. Der Ex-Mann hat dieses schliesslich auf brutale Weise getötet. Und das alles, weil die Sozialdienste «elterlichen Konflikt» vermerkt hatten und der Richter die Situation daher als Konflikt interpretierte. Das ist kein Konflikt, das ist Gewalt. Punkt. Da darf nicht um den heissen Brei herumgeredet werden.
«direkt»: Was halten Sie von der aktuellen Strategie des Bundesrats gegen Gewalt an Frauen?
Anne Jeanneret: Ich denke, der Bundesrat hat eine gute Grundlage, um dagegen vorzugehen. Wichtig ist aber auch, die Opfer anzuerkennen, die keine Frauen sind. In etwa 70 Prozent der Fälle sind die Opfer Frauen, wobei auch Kinder betroffen sind. Und dann gibt es aber auch 30 Prozent männliche Opfer. Die grosse Mehrheit der Täter:innen ist aber nach wie vor männlich.
«direkt»: Seit Mai dieses Jahres gibt es eine neue, vom Bundesrat eingeführte, Opferhilfenummer 142. Ist diese aus ihrer Sicht sinnvoll?
Anne Jeanneret: Ja, ich denke, sie ist für die gewaltbetroffenen Personen nützlich. Schon alleine, weil sie diese Nummer anrufen können und dort darüber sprechen, was ihnen widerfahren ist. Das ist bereits ein grosser Schritt – wenn man einfach nur die Fakten schildern kann, hilft das oft schon. Ich kann mir vorstellen, dass die Nummer dazu beitragen wird, die Opferhilfezentren, die Polizei oder die Notdienste etwas zu entlasten. Es wird allerdings wohl drei bis vier Jahre dauern, bis eine erste Bilanz gezogen werden kann. Meine einzige Sorge ist, dass eine Person, die angegriffen wird, oft gar nicht in der Lage ist, eine dreistellige Nummer zu wählen. In der Panik ist das einfach nicht möglich. Deshalb ist es wichtig, mehr zu haben als eine Nummer, die man anrufen kann.
«direkt»: Woran denken Sie?
Anne Jeanneret: Es gibt zum Beispiel die App «Sorority», die wie ein SOS-Knopf funktioniert. Wenn man den Button zwei, drei Sekunden lang drückt, wird ein Alarm ausgelöst und die 50 Personen in der näheren Umgebung werden benachrichtigt. Auch die Polizei erhält eine Mitteilung, oft nimmt sie aber solche Alarme nicht ernst.
«direkt»: Kennen Sie ein Beispiel?
Anne Jeanneret: Ja, letzten Herbst, kurz nachdem es in Corcelles zu einem Femizid kam, hat eine Frau in der Nähe von dort einen Alarm über diese App ausgelöst. Die Polizei reagierte aber nicht darauf. Später rief sie die Polizei an, musste mit ihnen aber eine halbe Stunde lang verhandeln, darüber was ihr widerfahren ist. Und dies, obschon gerade ein Femizid in der Umgebung geschehen ist! Ich verstehe das einfach nicht.


Von psychischer Gewalt sind sehr viele Männer betroffen. Nur nimmt diese niemand ernst und kämpft keiner für sie…
Es ist einfach nur traurig, dass wir uns egal ob Frau, Mann oder Kind erklären müssen, wenn uns Gewalt widerfährt!? Ich frage mich, in was für einer Gesellschaft leben wir, wo Ängste nicht Erst genommen werden? Und wie Bitteschön, sind unsere Polizisten geschult, wenn sie anhand des Textes reagieren?
Da muss ganz viel überdacht und aufgearbeitet werden. Das sind schliesslich keine neue Themen!
Franz, das stimmt, und Männer können sich genau so wie Frauen* zusammen verbünden und für ihre Rechte kämpfen! Sprich unbedingt mit deinen Freund*innen darüber! Gründet als Betroffene eine Bewegung, schliesst euch mit lokalen politischen Parteien zusammen und verlangt, dass von der Politik etwas unternommen wird. Alle Menschen sollten Schutz erhalten!