Start Meinung Franziska Schutzbach: «Gewalt erscheint als Versuch, eine krisenhafte Männlichkeit zu stabilisieren.»

Franziska Schutzbach: «Gewalt erscheint als Versuch, eine krisenhafte Männlichkeit zu stabilisieren.»

Männlichkeit soll stark, autonom, dominant und souverän sein. Gleichzeitig bleibt sie auf Liebe, Anerkennung und Zuwendung angewiesen. Patriarchale Gewalt ist oft ein Versuch, diesen Widerspruch aufzulösen. Ein Essay von Franziska Schutzbach.

Foto: Unsplash/Anne Morgenstern (Schutzbach). Montage: Direkt.

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Fast täglich erfahren wir in den konventionellen und sozialen Medien von Vergewaltigungs- und Missbrauchsfällen, von Deepfakes, Belästigungen und anderen Formen sexualisierter Gewalt. Es ist verstörend und empörend, wie sich diese Gewalt trotz jahrzehntelanger feministischer Kritik, trotz #MeToo-Aufständen und öffentlicher Auseinandersetzungen fortsetzt. Und wie dabei eine immergleiche mediale Skandalisierungslogik reproduziert wird, der zufolge wir es mit pathologischen und extremen Einzelfällen, mit dem individuellen Versagen einzelner Männer zu tun hätten. Zwar ist es heute etwas gängiger geworden zu sagen, das Problem sei «strukturell» – was das genau bedeutet, bleibt jedoch oft unklar.

Feminist:innen weisen spätestens seit den 1970er-Jahren darauf hin, dass (sexualisierte) Gewalt und Übergriffigkeit gegen Frauen keineswegs nur am Rande der Gesellschaft vorkommt. Gewalt wird auch nicht lediglich durch die psychischen Störungen Einzelner hervorgerufen, sondern sie ist etwas Alltägliches. Gewalt an Frauen ist «Normverlängerung» und keine «Normverletzung», wie es die Soziologin Carol Hagemann-White formulierte. Gewalt und Belästigung sind ein Effekt der «normalen» Männlichkeitssozialisierung, sie erwachsen aus den Normen, die Männer erfüllen sollen, um als «richtiger» Mann zu gelten.

Die Forschung zur sogenannten hegemonialen Männlichkeit hat vielfach gezeigt, dass etwa eine abwertende Haltung gegenüber Frauen lange Zeit eine der Grundlagen männlicher Sozialisation war und teilweise bis heute ist. Die weiterhin oft unbewusst verbreitete männliche Sicht auf Frauen als weniger wertvoll oder als «Objekt» bereitet den Nährboden für Gewalt und Übergriffe.

Hegemoniale Männlichkeit und der Zwang, verfügen zu müssen

«Hegemoniale Männlichkeit» bezeichnet gemäss der Soziologin Raewyn Connell die gesellschaftlich vorherrschende Vorstellung davon, wie ein «richtiger» Mann sein soll. Auch wenn diese Normen in der spätkapitalistischen Gesellschaft hybrider geworden sind, wirken traditionelle Männlichkeitsbilder bis heute fort: etwa die Idee, dass heterosexuelle cis Männlichkeit aktiv, dominant, souverän und erfolgreich sein sollte, dass das Männliche die gesellschaftliche Norm repräsentiere und sich hierarchisch von Frauen und queeren Menschen unterscheidet.


«Als ein echter Mann galt und gilt, wer wettbewerbsorientiert ist, Besitz anhäuft und über andere verfügen kann: über Geld und Territorien, über Natur und nicht zuletzt über Frauen, ihre Reproduktionsarbeit und ihre Sexualität.»


Wichtig ist dabei, dass viele Männer in ihrer Lebenswirklichkeit nicht hegemonial sind und den Männlichkeitsidealen nicht entsprechen, oder nur in Teilen. Nicht wenige erleben tiefgreifende Marginalisierung und Prekarität. Dennoch versuchen auch marginalisierte Männer häufig, solchen Idealen nahezukommen. Auf diese Weise reproduzieren sie Männlichkeitsnormen auch dann, wenn sie ihnen selbst nicht entsprechen oder sogar unter ihnen leiden.

Männlichkeitsnormen können nicht einfach auf Biologie zurückgeführt werden. Sie haben sich historisch entwickelt, sich im Laufe der Geschichte und in verschiedenen Kontexten immer wieder verändert, und sie sind eng mit kulturellen, politischen und ökonomischen Verhältnissen verknüpft.

Gleichwohl gibt es auch übergreifende Vorstellungen, zum Beispiel den Anspruch, über Dinge und über andere Menschen verfügen zu können. Es ist ein Anspruch, der eine auffällige Nähe zu kapitalistischen Logiken aufweist: Die wachstumsorientierte Gesellschaft benötigte und generierte Subjekte, die auf Expansion, Aneignung, Besitz, Wettbewerb, Erfolg, Macht und Kontrolle ausgerichtet sind. Viele dieser Prinzipien wurden mit Männlichkeit verknüpft. Als ein echter Mann galt und gilt, wer wettbewerbsorientiert ist, Besitz anhäuft und über andere verfügen kann: über Geld und Territorien, über Natur und nicht zuletzt über Frauen, ihre Reproduktionsarbeit und ihre Sexualität.

Die Verfügung über Frauen galt lange als männliches Recht und war bis weit ins 20. Jahrhundert hinein rechtlich abgesichert. Frauen durften ohne Zustimmung ihres Ehemannes nicht erwerbstätig sein. Der Ehemann verfügte somit über ihre Arbeitskraft. Aber auch über ihren Körper: In der Schweiz durfte der Ehemann die Ehefrau bis in die 1990er-Jahre straffrei vergewaltigen.

Aus einer solchen Anspruchslogik heraus ist der Schritt zu Gewalt und Übergriffigkeit klein. Die weiterhin hohen Zahlen sexualisierter und häuslicher Gewalt legen nahe, dass dieser Besitzanspruch keineswegs verschwunden ist. Zwar wurden die Gesetze dank feministischer Kämpfe verändert, doch die Logik des Anspruchs scheint weiterhin tief in männlichen Sozialisationsmustern verankert zu sein. Offenbar wähnen sich viele Männer in ihren Ansprüchen auf weibliche «Güter» weiterhin im Recht. Reaktionäre Entwicklungen verleihen solchen Vorstellungen derzeit sogar neuen Auftrieb. Prominente Politiker, Influencer und Wirtschaftsvertreter zelebrieren entsprechende Männlichkeitsinszenierungen wieder offen.


«Der Beherrscher braucht Beherrschte. Seine Macht ist also nicht absolut, sondern relational, und damit fragil.»


Männliche Gewalt erscheint vor diesem Hintergrund nicht als Ausnahme, sondern als ein normalisiertes Handlungsmuster, das in den Vorstellungen von Männlichkeit selbst angelegt ist. Vielleicht erklärt das auch, weshalb Gewalt bis heute so häufig bagatellisiert wird und die Scham bisher nicht die Seite wechselt.

Die Fragilität der Verfügung

Der Anspruch, zu verfügen, prägt jedoch nicht nur das Verhalten vieler Männer. Er produziert gesellschaftliche Hierarchien. Verfügung setzt Ungleichheit voraus, ein Gefälle. Sie trennt diejenigen, die souverän über andere verfügen sollen, von jenen, deren Arbeitskraft, Ressourcen, Körper oder Lebensbedingungen zum Gegenstand dieser Verfügung werden.

Diese Logik prägt auch die Geschlechterordnung. Männlichkeit wird über die hierarchische Unterscheidung von Frauen hergestellt. Ein Mann gilt dann als echter Mann, wenn er sich von Frauen klar unterscheidet, ihnen idealerweise überlegen ist und eine dominante Position einnimmt, vor allem aber als autonom und unabhängig erscheint.

Für die hegemoniale Männlichkeit stellt sich hier allerdings ein Problem. Verfügung und Dominanz setzen immer etwas voraus, worüber verfügt und das beherrscht werden kann. Wer überlegen sein will, braucht Unterlegene. Der Beherrscher braucht Beherrschte. Seine Macht ist also nicht absolut, sondern relational, und damit fragil. Die paradoxe Abhängigkeit des Herrschenden von den Beherrschten wurde bereits in Hegels Herr-Knecht-Dialektik beschrieben und später marxistisch, psychoanalytisch und feministisch weitergedacht.

Die Kränkung der Souveränität

Das Bedürfnis nach Dominanz macht den Dominierenden selbst abhängig und bedürftig. Die Vorstellung männlicher Souveränität ist deshalb im Kern fragil. Sie verspricht Autonomie und erzeugt Abhängigkeit. Wer seine Identität darauf aufbaut, über andere zu verfügen, bleibt auf andere angewiesen. Männliche Souveränität lebt von einer Abhängigkeit, die sie zugleich verleugnen muss.

Das Bedürfnis nach anderen Menschen widerspricht dem Ideal von Überlegenheit und Autonomie. Für eine Männlichkeit, die unabhängig sein will, liegt darin eine Kränkung. Ausgerechnet im Streben nach Dominanz taucht etwas auf, das gar nicht da sein dürfte: ein Bedürfnis. Der Wunsch, über andere zu verfügen, erweist sich nicht als Ausdruck von Unabhängigkeit, sondern als Verwiesenheit auf andere. Eine solche Männlichkeit ist nicht souverän, sondern verletzlich.


«Die Paradoxie der hegemonialen Männlichkeit liegt darin, dass das Streben nach Stärke immer wieder genau jene Verletzlichkeit sichtbar macht, der es entkommen möchte.»


Das Männlichkeitsdilemma

Besonders deutlich zeigt sich diese Fragilität auf dem Feld der Sexualität. Das Männliche muss sich einerseits als unabhängig und souverän beweisen, scheitert aber auch deshalb daran, weil heterosexuelle Männlichkeit die «Objekte», über die sie sich erheben soll, begehrt.

Der Sozialpsychologe Rolf Pohl spricht deshalb von einem «Männlichkeitsdilemma».[1] Die angestrebte Dominanz über Frauen widerspricht zutiefst der überaus verletzlichen Realität von Männern, auf die weibliche Liebe, Gunst, Anerkennung und Zuwendung angewiesen zu sein. Für Pohl zeigt sich darin ein zentrales Dilemma männlicher Dominanz: sein auf Frauen gerichtetes Begehren macht den Mann «im hohen Masse abhängig: abhängig von seinem eigenen trieb- und objektgebundenen Begehren, abhängig von den Frauen, auf die seine Sexualität ausgerichtet bleibt.» Und weiter: «Spätestens im Fall der Erregung durch Frauen zeigt sich, dass der (heterosexuelle) Mann nirgends schwächer (…) ist als auf dem Feld der Sexualität.»

Hinzu kommt, dass Männer wie alle Menschen Zeit ihres Lebens auf Liebe und Fürsorge angewiesen bleiben. Sie bleiben auf genau jene Dinge angewiesen, die patriarchale Männlichkeit traditionell als weiblich und damit als minderwertig abwertet. Die vorherrschenden Männlichkeitsideale unterwerfen den heterosexuellen Mann damit einem kaum auflösbaren Gegensatz zwischen Autonomie und Abhängigkeitsangst.

Die Paradoxie der hegemonialen Männlichkeit liegt darin, dass das Streben nach Stärke immer wieder genau jene Verletzlichkeit sichtbar macht, der es entkommen möchte.

Kapitalismus und die Produktion gekränkter Männlichkeit

Männlichkeit ist im Kapitalismus auf einer weiteren basalen Ebene fragil: Der Kapitalismus geht für viele Menschen nicht auf. Er produziert (globale, geschlechtliche, soziale, rassifizierte usw.) Ungleichheit und damit Prekarität, Abstiegsängste, Konkurrenzdruck und die ständige Sorge, dass einem etwas weggenommen werden könnte oder man nie genug besitzt oder erreicht. Für Männer, die sich an hegemonialen Männlichkeitsidealen orientieren, geraten die Versprechen von Erfolg, Kontrolle und Souveränität dauernd ins Wanken.

Traditionelle männliche Rollen erodieren derzeit auch in vielen Ländern durch ökonomische Prekarisierung. Das sogenannte Familienernährer-Modell etwa wird durch steigende Lebenshaltungskosten und wirtschaftliche Unsicherheit für viele Männer immer schwerer erreichbar. Damit gerät ein wichtiges Standbein männlicher Selbstvergewisserung unter Druck.

Die kapitalistische Ordnung hinterlässt also fortlaufend gekränkte männliche Anspruchssubjekte. Beim Sexismus und allen Abstufungen sexualisierter Gewalt werden Frauen, folgt man Rolf Pohl, unbewusst auch für die Abhängigkeitsangst und die Ohnmachtsgefühle bestraft, die sie im Mann auslösen. Das Männlichkeitsdilemma wird zu einer Quelle von Feindseligkeit, Frauenhass und Gewalt.

Gewalt erscheint dabei als fragwürdiger Versuch, eine stets krisenhafte Männlichkeit zu stabilisieren. Pohl spricht von einer «Schiefheilung». Den Begriff übernimmt er von Sigmund Freud. Gemeint ist der Versuch, das Dilemma durch Gewalt, Sexismus und Dominanzverhalten zu «heilen», also ein für alle Mal Klarheit, das heisst Überlegenheit, herzustellen und die eigene Verletzlichkeit zu überwinden.

Dieser Versuch misslingt jedoch zwangsläufig, er bleibt eben «schief». Denn Gewalt und Dominanz verdrängen die eigene Verletzlichkeit lediglich. Letztlich wird aber genau jene Fragilität reproduziert, die sie zu beseitigen versucht. Wer Gewalt ausüben muss, um die eigene Überlegenheit abzusichern, wer andere abwerten, kontrollieren und dominieren muss, ist nicht souverän, sondern zutiefst verstrickt und instabil. Jede Gewalt macht die eigene Verletzlichkeit von Neuem spürbar. Der Versuch, sie erneut zu überwinden, erzeugt neue Gewalt und setzt den Kreislauf fort.

Betrieben wird Symptombekämpfung und keine wirkliche Heilung. Heilung wird Pohl zufolge erst dann möglich, wenn die hegemonialen Männlichkeitsideale selbst ihre Geltung verlieren, wenn Verletzlichkeit, Bedürftigkeit und Abhängigkeit nicht länger als schmerzhafter Widerspruch zur Männlichkeit erscheinen, sondern als selbstverständlicher Teil des Menschseins.

Bis sich dies gesellschaftlich auf breiter Ebene durchsetzt – in einzelnen Biografien und Männlichkeitsentwürfen ist es zum Glück schon heute möglich – werden wir wohl mit weiteren Versuchen rechnen müssen, die Widersprüche hegemonialer Männlichkeit durch Gewalt zu bewältigen. Diese Schiefheilungsversuche verursachen enormes Leid, besonders bei jenen, die zu ihren Opfern werden.

Der Fall Ulmen als Schiefheilung

Wie solche Schiefheilungen konkret aussehen können, zeigt der Fall Christian Ulmen.

Collien Fernandes wirft ihrem Ex-Mann Christian Ulmen vor, über Jahre hinweg Fakeprofile in ihrem Namen betrieben und darüber sexualisierte Inhalte verschickt zu haben. Die kontaktierten Männer sollten glauben, sie stünden mit Fernandes selbst in Kontakt. Laut den Vorwürfen wurden dabei pornografische Bilder und Videos verbreitet, teilweise mit Frauen, die ihr stark ähnelten. Fernandes wusste lange Zeit nichts von den Vorgängen.

Über den Fall wurde zu Recht ausführlich und empört diskutiert, viele wichtige Dinge wurden bereits gesagt und geschrieben. Ich möchte an dieser Stelle weniger den Fall selbst rekonstruieren als vielmehr jene Aspekte betrachten, die aus meiner Sicht mit dem oben beschriebenen Männlichkeitsdilemma zusammenhängen. Die Ereignisse zeigen meiner Ansicht nach beispielhaft, wie der Versuch, das Männlichkeitsdilemma aufzulösen, in (digitale) Gewalt umschlagen kann.

Die im Folgenden ausgeführten Betrachtungen sind Interpretationen. Die tatsächlichen Tat-Motive und psychologischen Grundlagen kennen wir im Moment nicht.

Das Vorgehen des Täters könnte man zunächst als Versuch interpretieren, sich die Identität einer Frau symbolisch anzueignen. Ein Mann gibt sich als «seine» Frau aus, übernimmt ihren Namen, ihre Identität, ihre Erscheinung, ihre Sexualität. Er spricht in ihrem Namen, kommuniziert an ihrer Stelle und produziert eine Version ihrer Person, die seinem eigenen Willen unterworfen ist. Die Frau erscheint dadurch nicht mehr als eigenständiges Subjekt, sondern als Figur seiner Inszenierung.

Dabei vollzieht diese Inbesitznahme auch eine symbolische Auslöschung der Frau: Sie ist nicht mehr sie, sondern er. Für das Opfer bedeutet dies nicht nur Kontrollverlust über Bilder oder Daten, sondern einen Eingriff in die eigene soziale Existenz: Jemand anderes spricht und handelt im eigenen Namen.

Daraus ergibt sich die eigentümliche Paradoxie des Falls: Um die Kontrolle über sein Objekt zu maximieren, schlüpft der Täter selbst in dessen Rolle. Er verfügt nicht mehr nur über die Frau, sondern handelt als Frau. Die Grenze zwischen dem verfügenden Subjekt und seinem Objekt beginnt zu verschwimmen.

Der Mann macht sich, so meine weitere Interpretation, zum Subjekt, indem er selbst zu seinem Objekt wird. Das klingt zunächst widersinnig. Schliesslich beruht die patriarchale Logik gerade auf der Trennung von Subjekt und Objekt. Doch womöglich zeigt sich hier eine Kontrollfantasie, die weiter geht als gewöhnliche Dominanz. Anders gesagt kann man sich eine totalere Fantasie der Kontrolle eigentlich kaum vorstellen: In einer verstörenden Maskerade performt der Täter als eine Frau und steuert sie im Gewand ihrer eigenen Identität. Auf diese Weise existiert die Frau nicht einmal mehr als ein von ihm unterschiedenes Objekt. Wie es scheint, versucht er auf diese Weise die Unterscheidung zwischen verfügendem Subjekt und Objekt performativ aufzulösen.

Gerade die hierarchische Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt ist, wie ich oben ausgeführt habe, eigentlich eine Grundlage hegemonialer Männlichkeit. Zugleich macht sie Männlichkeit fragil, weil sie auf genau jene anderen angewiesen bleibt, von denen sie sich abzugrenzen versucht.

Meine These ist, dass Ulmens Vorgehen auf einen Versuch verweist, das Männlichkeitsdilemma aufzulösen. Es steht exemplarisch für das Vorgehen einer fragilen Männlichkeit, die sich selbst zu stabilisieren versucht, indem sie die Unterscheidung zwischen Täter und Opfer symbolisch auflöst, das heisst: die Abhängigkeit von seinem Objekt zu überwinden versucht. Ich interpretiere das Vorgehen als eine Kontrollfantasie totaler Souveränität.

Die (unbewusste) Hoffnung scheint zu sein: Wenn die Unterscheidung zwischen Täter und Opfer verschwindet und beide gewissermassen eins werden, muss der Täter seine eigene Verletzlichkeit gegenüber dem Opfer nicht mehr spüren. Gleichzeitig bleibt die hierarchische Ordnung der Unterscheidung erhalten. Denn die «Einverleibung» des Opfers ist selbst ein Akt der Dominanz, bei dem sich der Täter – ganz im Sinne hegemonialer Männlichkeitsnormen – über sein Opfer erhebt. Die Differenz soll verschwinden, aber nur in einer Form, die den Täter weiterhin über das Opfer stellt.


«Es ist nicht die Stärke hegemonialer Männlichkeit, die sie so gefährlich macht, sondern ihre Fragilität.»


Natürlich ist auch dieses Manöver vergebens. Die Abhängigkeit, die Abhängigkeitsangst und das Scheitern gehen eben nicht weg. Denn der Wunsch zu dominieren selbst enthält bereits die Verwiesenheit auf andere, enthält bereits das Scheitern von Souveränität. Weder Gewalt noch Identitätsdiebstahl können dieses Dilemma lösen. Sie verdrängen das Dilemma allenfalls kurzfristig, reproduzieren aber letztlich aufs Neue genau jene Abhängigkeit, jenes Scheitern und jene Verletzlichkeit, denen sie zu entkommen versuchen.

Vielleicht verschaffen Gewalt oder Identitätsdiebstahl eine kurze «Symptomlinderung», eine kurzfristige Entlastung von der Spannung des Männlichkeitsdilemmas. Aber die Wunde der gescheiterten Männlichkeit bleibt offen und deshalb gefährlich und destruktiv. Gewalt und Hass exponieren aufs Neue die männliche Abhängigkeit von ihrem «Objekt».

Menschsein bedeutet, abhängig und verletzlich zu sein, keine Gewalt und kein Hass vermag diese Abhängigkeit zu «heilen». Vielmehr machen Gewalt und Hass immer nur wieder genau jene Abhängigkeit sichtbar, die sie überwinden sollen.

Rolf Pohl schreibt: «Solange an den Strukturen männlicher Hegemonie nichts geändert wird und diese durch die Idealisierung von abwehrbereiter, militarisierter, aneignender imperialer Maskulinität sogar noch ideologisch verstärkt werden, bleibt die Männlichkeit in ihren Grundfesten gefährdet und deshalb eine grosse Gefahr.»

Es ist nicht die Stärke hegemonialer Männlichkeit, die sie so gefährlich macht, sondern ihre Fragilität.


[1] Pohl, Rolf (2025): «Der Traum von der völkisch-patriarchalen Idylle. Antifeminismus und Rechtsextremismus als Schiefheilung der bedrohten Männlichkeit.» In: Niendorf, Johanna; Kalkstein, Fiona; Rodemerk, Henriette; Höcker, Charlotte (Hg.): Antifeminismus und Provinzialität. Zur autoritären Abwehr von Emanzipation. Bielefeld: transcript Verlag. S. 99–124.


Artikel vorgelesen von Franziska Schutzbach

 


Franziska Schutzbach ist Buchautorin, promovierte Geschlechterforscherin, feministische Aktivistin sowie Dozentin für Geschlechterforschung und Soziologie an der Universität Basel. 2021 hat sie den Bestseller «Die Erschöpfung der Frauen. Wider die weibliche Verfügbarkeit» veröffentlicht, gefolgt von «Revolution der Verbundenheit. Wie weibliche Solidarität die Gesellschaft verändert» im Jahr 2024.

Die Kolumne ist eine «Carte Blanche» und widerspiegelt die Meinung der Autorin.


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