Start Abstimmungen Service-citoyen-Initiative: Massive Benachteiligung für Frauen

Service-citoyen-Initiative: Massive Benachteiligung für Frauen

Alle Schweizer Bürger:innen sollen dazu verpflichtet werden, einen Dienst «für die Gemeinschaft» zu leisten – das will die Service-citoyen-Initiative, die am 30. November zur Abstimmung kommt. Eine gute Idee? Für die Gegner:innen handelt es sich in erster Linie um versteckte Zwangsarbeit und eine Verschärfung der Ungleichheiten für Frauen.

Foto: Christian Beutler (Keystone)

Die Initiant:innen präsentieren die Idee des «Service citoyen» als Mittel zur Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts und der Gleichstellung. Tatsächlich würde der «Dienst für die Gemeinschaft» jedoch eine Zunahme der unbezahlten Arbeit für Frauen bedeuten: Sie wären gezwungen, wie Männer einen Zwangsdienst zu leisten, obwohl sie bereits heute den grössten Teil der unbezahlten Care-Arbeit leisten und immer noch unter Lohndiskriminierung leiden. Diese ungleiche Verteilung der unverzichtbaren, aber unbezahlten Arbeit wird von der Initiative ignoriert.

Doppelte Belastung für Frauen

Die Anerkennung der Care-Arbeit, die zum grössten Teil von Frauen geleistet wird, ist seit Jahren eine zentrale Forderung. Sie stand im Mittelpunkt der grossen feministischen Streiks von 2019 und 2023. Anstatt die unbezahlte Care-Arbeit endlich aufzuwerten, wird der «Service-citoyen» auch Frauen zu einem Dienst zwingen, zusätzlich zur unbezahlten Arbeit.

Dieser Dienst wird grösstenteils in den Bereichen Pflege, Bildung oder Soziales geleistet werden – alles Branchen, die derzeit erhebliche Investitionen in bessere Arbeitsbedingungen benötigen, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Ein massiver Zustrom von unqualifiziertem und schlecht bezahltem Personal wirkt diesen Bestrebungen diametral entgegen und wird nicht zu einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Fachkräfte führen – im Gegenteil. Gegner:innen der Initiative weisen darauf hin, dass das Lohndumping in diesen Branchen vor allem Frauen treffen wird, weil diese überproportional in diesen Bereichen arbeiten.

Frauen werden also zum einen unter schlecht bezahlter Pflichtarbeit und zum anderen unter Lohnkürzungen in diesen Bereichen leiden und verlieren mit einem Ja zur Initiative gleich doppelt.

Potenziell rechtswidrig?

Der obligatorische Dienst, der bei einem Ja zur Initiative für alle jungen Menschen in der Schweiz eingeführt wird, ist zudem potenziell rechtswidrig. Expert:innen warnen, dass dies einen erheblichen Eingriff in die persönliche Freiheit und die Grundrechte jedes Einzelnen darstellt. Ein Pflichtdienst würde gegen das im Völkerrecht vorgesehene Verbot der Zwangsarbeit gemäss dem UNO-Pakt II und der Europäischen Menschenrechtskonvention verstossen. In der UNO-Menschenrechtscharta heisst es: «Niemand darf zu Zwangs- oder Pflichtarbeit verpflichtet werden.»

Der Militärdienst stellt hier bislang eine Ausnahme von dieser Regel dar. Das Angebot eines zivilen Ersatzdienstes zum Militärdienst ist hierbei obligatorisch. Ein allgemeiner Bürger:innendienst, wie er in der Initiative gefordert wird, fällt aber nicht darunter.

Ob die Schweizer Bevölkerung für diese Argumente empfänglich sein wird, zeigt sich am 30. November.


4 Kommentare

  1. Als Mann teile ich viele, wenn auch nicht ganz alle Eure Überlegungen, welche Ihr Frauen der ‚Service-citoyen-Initiative‘ entgegenstellt.
    – Und trotzdem gefällt mir der Gedanken, dass wir alle, nicht nur wir Männer, in jungen Jahren lernen sollten, dass wir eine Gemeinschaft sind.
    — Wir Männer setzen im Ernstfall unser Leben ein, um uns im Krieg einem Eindringling entgegenzustellen. Wir schützen so unsere Familien, am Ende unsere ganze Gesellschaft gegen die fremde Macht, so der Grundgedanke.
    — Viele Frauen bringen Kinder zur Welt + kümmern sich oft einen Lebensabschnitt lang um ihre Familien.
    — Der Grundgedanke war eine Arbeits-Teilung. Was dabei überhaupt nicht aufgeht, ist der Umgang mit dem Geld: Der Mann + Vater soll es in auseichender Menge nach Hause bringen, die Frau + Mutter braucht einen Anteil des Gelds für die Lebenshaltungskosten aller Familien-Mitglieder + einen anderen Anteil für die individuellen Lebenshaltungskosten der Kinder. Frau + Mann sollen über den Rest des Gelds (aus meiner Sicht) je hälftig verfügen, wiewohl das im Einzelfall auch vom Ererbten abhängt.
    — Doch auch bei diesem hälftigen Geld-Anteil des Rest klappt es oft nicht, indem wir Männer uns mehr als die Hälfte zuschanzen, was für mich teilweise nicht angeht, teilweise aber auf die Unterhaltspflichten zurückzuführen ist.
    – Fazit: Zwischen Mann + Frau gibt es eine ja ganze Anzahl von Ungleichheiten, viele materielle zugunsten des Manns, viele ideelle zugunsten der Frau.

    Mit dieser Darstellung möchte ich in Erinnerung rufen, dass die Ungerechtigkeiten zwischen Frau + Mann zahlreich + tiefgreifend + nicht nur familiär, sondern auch beruflich + gesellschaftlich sind. Wir werden sie im Einzelfall weder global noch individuell voll ausgleichen können.
    – Wir sollten uns diesen Punkt insachen gerechter Ausgleich der Lebens-Chancen bewusst machen, bevor wir die vielen offenen Probleme vorerst mal global angehen. Individuell über uns alle gesehen ist ein gerechtes Verteilen noch viel schwieriger.
    – Aber Ihr Frauen solltet aus meiner Sicht bitte nicht nur ‚Nein‘ sagen bei einem solchen Vorschlag wie der ‚Service-citoyen-Initiative‘, sondern einen echten Gegen-Vorschlag präsentieren.
    – Dann könnten wir Männer viel konkreter erkennen, wo überall wir den Beitrag zu unserer Gesellschaft von Mann + Frau über das Ganze gesehen auf ein ähnliches Niveau anheben können + die aktuellen Ungleichheiten wesentlich besser als heute ausgleichen können.

    Ein echter Ausgleich wird uns im Einzelfall wohl noch lange nicht gelingen. Denn dann geht es um gleiche Lebenschancen für alle, sprich jedes Einzelne von uns. Und zum Lösen dieser Aufgabe ist unsere Gesellschaft wohl noch auf Generationen hinaus zu wenig reif.

  2. Sehr geehrte Damen und Herren, ich habe mich das Leben lang ehrenamtlich betätigt. 12 Jahre Oekumenischer Altstetter Kinderchor. Als ich eine Anstellung mit Sozialleistungen verlangte, wurde ich „gekündigt“. Im weiteren habe ich etwa 15 Jahre lang Kinderbetreuung gratis geleistet, beinahe täglich, 2 Jahre lang meinen Vater mit meiner Mutter zusammen betreut, bevor er gestorben ist, und schliesslich meiner Mutter bis zu ihrem Tod beigestanden die letzten 10 Jahre, intensiv, die letzten 2 Jahre. Meine Mutter hat auch sehr viel für mich gemacht, das war ein Geben und Nehmen. Mein soziales Engagement war mir immer wichtiger als Geld, allerdings bin ich jetzt pensioniert und spüre, dass ein Einkommen für meine Leistungen besser gewesen wäre! Gott sei Dank erhalte ich Sozialleistungen. Ich bedaure meinen Einsatz nicht, aber es wäre Zeit, endlich einmal in dieser Beziehung etwas zu unternehmen. Wenn Kitaplätze finanziert werden, sollten Angehörige ebenfalls entlöhnt werden. Ich bin alleinstehend und freue mich, dass ich auf ein grosses soziales Engagement zurückblicken kann. Ich bin gebildet und zehre täglich von meinen Studien, die ich intrinsisch täglich ergänze. Alle Gute für Sie allle! Freundliche Grüsse Andrea Brigitte Studer, die Sängerin vom Brunaupark Film, wo ich natürlich auch gratis mitgewirkt habe…

  3. Korrektur zu meinem Artikel: Es sollte heissen Ergänzungsleistungen zur , sorry

  4. Ich kann nur eines sagen, Verweigern. Eine absolute Frechheit an uns Frauen. Wenn halt die Frauen sich wieder unterdrücken lassen, wird sich niemals was verändern.

    Kann nur sagen, Aufstand von den Frauen.

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